Libro Cavaliere


A million dollar coffee

Es ist Morgen, vermutlich ein Wochenende. Ich prüfe meinen Kontostand am Handy. 253 Millionen sehe ich da. Ein Gefühl von gefestigter Freude und Leichtigkeit kommt auf, ein tiefes Wissen, jeder Abhängigkeit entflohen zu sein, macht sich breit. Mein Blick wandert durch die Runde. Daniela sitzt mir gegenüber. “Brauchst du ein paar Tausender?”. Was mache ich nur mit so viel Geld? Über wie viel mehr oder weniger an Abhängigkeit verfüge ich nun?

Es klingelt an der Tür. Ich will einen letzten Schluck aus meiner Kaffeetasse nehmen, doch plötzlich sitzt dort ein Hamster, halb orange-beige, halb weiß, ein stereotypischer Hamster eben, und beobachtet mich. Ich schüttele mich, stehe auf, ignoriere den Hamster – solcherlei Vorfälle muss man akzeptieren – und schlendere zur Tür. Dort, fast angekommen, stellt sich mir ein Ikea Regal in den Weg. Kurz muss mein Gast sich noch gedulden, während ich den Baseballschläger aus der Ecke hole, um damit das Ikea Regal kurz und klein zu schlagen. “Denen darf man nichts durchgehen lassen!  Und um die Sauerei, darf ich mich nun auch noch kümmern, das Leben ist ein Kampf”, sage ich laut vor mich hin. 

Ich öffne die Tür. Dort steht Elon Musk und lädt mich ein, mit seinem neuen Cyber-Space-Truck eine ausgiebige Runde um den Mars zu fliegen. “Aber Elon”, sage ich, “der Mars ist doch viel zu weit weg, dafür brauchen wir ja Monate, selbst wenn dein Cyber-Space-Truck mit zehntausend Kilometer pro Sekunde fahren kann”. Er nickt, es sieht seltsam aus, wie alles, was er tut. “Hmpf”, sagt er “nein, ab heute stimmt das nicht mehr und mein Cyber-Space-Truck ist schneller als eine Rakete. Komm steig ein und setz’ diesen Hut auf, er steht dir bestimmt gut.” Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass mein unverschämt hoher Kontostand und der Besuch dieses schrägen Vogels in Verbindung stehen. Auf seinem T-Shirt steht: I’m the stupid – Ich muss lachen, denke mir: “Das geht doch eigentlich anders?”. Draußen angekommen drückt mir ein Mann ohne Eigenschaften in einem neonblau-weißen Mechanikeroverall, der etwas futuristisch aussieht, einen Rennfahrerhelm in die Hand und erklärt: “Zum Mars seien es lediglich 110 Millionen Kilometer.” Ich nicke, verstehe aber nicht. Elon setzt sich in den Cyber-Space-Truck und kurbelt das Beifahrerfenster herunter. Langsam. Er trägt einen ledernen Cowboyhut, nickt mir zu, in dieser speziellen Cowboy-Manier und zieht bedeutungsvoll an der Krempe seines lächerlichen Hutes. Ich verstehe nicht. Er drückt voll ins Pedal und der Elektro-Düsenantrieb beschleunigt den Cyber-Space-Truck in Kürze auf 30 Kilometer pro Stunde, womit er, nach einigen Augenblicken, aus meinem Blickfeld, geradewegs gegen eine Einbahn, verschwindet. “Der Typ ist wirklich schräg.”, ich frage mich, ob er ein Mensch ist oder ob das die ersten Gehversuche der Aliens, in Sachen menschlicher Kommunikation, sind. 

Es verlangt mich nach Kaffee, meiner ist ja unvollendeter Dinge plötzlich zum Hamster geworden. Der Rennfahrerhelm baumelt in meiner rechten Hand, während ich die Straße entlang schlendere. Ich setzte ihn auf. Plötzlich kann ich Geister sehen. Verdutzt bleibe ich wieder stehen und öffne das Visier. Keine Geister. Ich schließe das Visier. Da winkt mir doch jemand zu. Sie trägt so ein Fitnessarmband, das dir immer und zu allen Zeiten deinen Gesundheitszustand bis auf die dritte Kommastelle zeigt und außerdem Sportbekleidung. Es sieht so aus, als käme sie gerade vom Laufen zurück. Das finde ich total seltsam. Ich brülle hinüber: “Wo gibt’s denn hier einen guten Kaffee zu trinken?“ Sie zeigt zum Himmel hinauf, an dem übrigens gerade ein Mann mit einem Polo-Hammer schwebt und versucht, Vögel mit full-swings in Schornsteine zu schlagen und formt mit ihren Lippen langsam die Buchstaben M A R S. Ihr Armband beginnt plötzlich wie wild zu fiepen. Man erkennt an der zunehmenden Transparenz in ihrem Gesicht, dass ihr Armband sie endgültig für tot befunden haben muss. Kurz vor dem vollständigen Verschwinden, beginnt das Armband noch schnell den Refrain von I just wanna live von Good Charlotte zu spielen, bevor die Frau unter einer bunten Konfetti-Explosion verschwindet. 

Eine Taube landet vor meinen Füßen. Sie trägt eine orange Weste, die dazu bestimmt ist, den Träger gut sichtbar zu machen, solche Westen tragen für gewöhnlich Leute auf Baustellen oder Kindergartenkinder, die in der Gruppe unterwegs sind. Einer ihrer Füße ist entstellt. Sowas ist oft zu sehen bei diesen Stadttauben. “Das ist sicher irgendeine Krankheit, eine Geschwulst, wahrscheinlich Krebs, von den ganzen Abgasen, die die Tauben einatmen müssen.” Die Taube humpelt. Dennoch, sie hebt einen Flügel und ein kleiner Straßenbesen fällt heraus. Ich glaube auch, dass sie auf einem Auge blind ist, wahrscheinlich ein grauer Star. Ich muss lachen – eine Taube mit einem grauen Star. Mir ist nicht ganz klar was ich da vor mir sehe, aber irgendwie verdreht sie ihre ausgebleichten, ein wenig vergilbten Federn so, dass sie den Straßenbesen zu fassen bekommt. Sie beginnt den Boden zu fegen und das Konfetti aufzuräumen. “Die hier scheint noch eine Aufgabe zu haben, aber allzu lange macht sie das sowieso nicht mehr, höchstens ein paar Wochen, dann ist es um sie geschehen. Warum sollte ich also nicht? Ich wollte schon immer mal.”, überkommt es mich. Dort hinten im Park, nicht weit von mir, formen die Äste der Eiche einen Ring, der sich mir geradezu aufdrängt. Ich nehme Anlauf, hole aus und versuche die Taube durch den Ring aus Eichenästen zu schießen. “Hui, die fliegt aber nicht gut für eine Taube.”, denke ich, als die Taube den Ring verfehlt und an die gegenüberliegende Hausmauer knallt, um dort leblos zu Boden zu fallen. Während dem Anlaufen rutschte mein Visier wieder nach unten, sodass ich nun vor mir eine Geistertaube sehe, die mich wüst aufs Bitterste beschimpft, nur leider auf Französisch. Ich verstehe kein Französisch – wahrscheinlich auch besser so. Sie fuchtelt mit dem Geisterbesen wie wild in der Luft herum und wirkt wie einer dieser alten Männer, die man in solchen Indie-Filmen sieht, die in irgendeinem Provinzort in der Dordogne spielen. Ich nehme einen leichten Hauch von Fremdenfeindlichkeit wahr. 

Von Fern höre ich 80er-Jahre Rockmusik. Am Ende der Straße beginnt sich eine E-Scooter-Gang langsam vom flimmernden Horizont abzuzeichnen. Sie haben Schilder an ihre Gefährte angebracht. Jeder hat eine Bluetooth Box dabei und aus allen ertönt, fast synchron, Wanted dead or alive von Bon Jovi. Sie fordern eine Renaissance der Rockmusik. Ich wundere mich, wie lange es wohl gedauert hat, alle Bluetooth Boxen zu synchronisieren und wie oft sie neu beginnen mussten, bis es endlich klappte. “Ob sie diesen Song wohl noch hören können?” Sie fahren langsam an mir vorüber, ausschließlich auf Rad- und Gehwegen. Mir fällt erst jetzt auf, dass ich noch im Morgenmantel hier stehe. Ich öffne das Visier und blicke in die Richtung der abziehenden E-Scooter-Gang. Keine Geister. Irgendwie bin ich erleichtert.

Das mir nächste Gebäude trägt die Adresse Universumstraße 17. Siebzehn ist eine Primzahl, das gefällt mir, ich trete ein. Es gibt keine Treppe, sondern ein Schwimmbecken, das 45 Grad geneigt nach oben führt. Ich lege meinen Morgenmantel ab und schwimme in Unterwäsche nach oben. Drei Enten, jede einzelne mit einem Hut aus einer anderen Epoche, beäugen mich skeptisch. Ich öffne das Visier – gut, es ist doch nur eine Ente mit einer Skatermütze, anderes wäre ja auch seltsam gewesen. Ich nicke ihr höflich zu. Das Wasser hat angenehme dreiunddreißig Grad und es schwimmt sich gut hinauf. “Warum macht man das nicht überall so?”, frage ich mich beim Schwimmen – Treppen sind wesentlich unangenehmer. Das Schwimmbecken biegt im ersten Stock nach Rechts ab. Dort wird gerade eine Wassergymnastikstunde für Senioren abgehalten. Ich pinkle beim Vorbeischwimmen ins Becken. Ich mag keine alten Leute. Oben angekommen fische ich mir einen roten Bademantel vom breiten Geweih des Garderobenhirsches Wilhelm und schlendere weiter zur Dachterrasse. “Wilhelm ist mir unsympathisch, der denkt sich doch was. Hat der gesehen, dass ich reingepinkelt habe? Egal. Heute ist mir alles einerlei. Wobei, wäre Bon Jovi drin gewesen, hätte ich wohl nicht gepinkelt, da wäre ich zu schüchtern.” Verteilt auf der Dachterrasse laufen Zwergponys herum. Zwischen ihnen verteilt finden sich einige Designertische aus grünem Plastik. Sie sehen so ähnlich aus wie diese billigen Gartenmöbel, die vor Zeiten bei Oma im Garten standen. Zwei Gäste sitzen auf den Zwergponys bei Tisch und genießen ihren Kaffee, die anderen Ponys laufen herum. Ich setze mich auf ein weißes Pony und es reitet mit mir zu Tisch. Es sagt, ich muss seinen Schweif anheben und es muss sich erleichtern, das ist das Zeichen für den Kellner Kaffee zu bringen. Ich tue wie mir geheißen, nur wundere ich mich etwas über den leichten Balkanakzent des Ponys. Der Kellner versucht, auf Rollschuhen durch die Weide zu fahren. Er kann das Rollschuhfahren nicht gut und verschüttet dabei fast den ganzen Kaffee. Danach tritt er in den Haufen, den mein Pony hinterlassen hat und nickt zufrieden. “Netter Kerl.” denke ich bei mir. Wobei vielleicht ist er Trans? Die Kaffeetasse sieht so aus, als hätte jemand am Morgen des Tages seinen Kaffee nicht vollständig getrunken und außerdem innen und außen einen eingetrockneten Rand hinterlassen. “Ekelhaft, aber immerhin Kaffee.”, sage ich zu niemand besonderem. Über mir ist es plötzlich Nacht. Alle Ponys und auch der Kellner blicken nach oben, als plötzlich eine Sternschnuppe in Form einer Chimäre aus Cyber-Space-Truck und Donald Trump geradewegs auf uns hernieder fällt. Die Flammen rund um den Kopf der Sternschnuppe leuchten in einem Wasserstoffblond, das die Welt noch nicht gesehen hat. Im Inneren der Sternschnuppe glüht es so tief-orange wie nur ein Gesicht es tut, das zu oft im Solarium war. Es ist wahrscheinlich Elon, der da geritten kommt. Die Ponys beginnen im Kanon Foxtrott Uniform Charlie Kilo von der Bloodhound Gang zu wiehern und ich kaufe schnell für meine 253 Millionen, vier Bitcoins – die gehen gerade durch die Decke.