Libro Cavaliere


Hedgehog Hop

Peter ist ein Igel. Jeden Tag zählt er im Spiegel seine Stacheln – es sind eintausenddreihundertsiebenundzwanzig (1327)- Heute zählt er einen mehr. Peter hat sich schon lange nicht mehr verzählt und die ganze Sache kommt ihm seltsam vor. Er beschließt einen Spaziergang in den Wald zu unternehmen um dort das geheimnisvolle Orakel aufzusuchen. Niemand weiß wo es ist, nur von Zeit zu Zeit erscheint es einem und im Nachhinein bleibt ein Hauch von Erinnerung, lediglich ein Gefühl von Veränderung. Peter besitzt einen Spazierstock. Es sieht zwar allerhand seltsam aus, einen Igel auf zwei Beinen mit Stock im Wald umherstreifen zu sehen, aber das ist Peter egal. Peters Wohnungstür ist rund und braun. Igelwohnungen haben für gewöhnlich solche Türen. Sie befindet sich ebenerdig und flach im Boden. Öffnet man die Tür, sieht man eine durchaus gerade und normale Wohnung. In den Igelwohnungen ist nämlich alles einmal um Neunzig Grad gedreht. Peter weiß nicht, was unten ist. 

Er kommt aus seiner Wohnung. Die Sonne hängt schief am Himmel und überhaupt ist alles völlig normal. Günter schwebt gerade im Garten herum. Günter ist eine Ziege oder besser ein Mensch. Naja, sein Oberkörper ist der einer Ziege, die Beine aber jene eines Menschen. Seine Eltern dachten deshalb Günter sei ein guter Name. Günter ist reglos, er verharrt den ganzen Tag in derselben Haltung, nicht einmal sein Gesichtsausdruck ändert sich. Er besitzt eine Rose in seinem Garten, ihr Haupt leuchtet golden und hat die Größe einer ausgewachsenen Sonnenblume. Er schwebt um sie herum. Manchmal wird Günter von einem Windhauch getroffen, dann steht er plötzlich schief in der Luft. 

Man grüßt sich nicht in der Nachbarschaft. Was hätte es auch für einen Sinn?  Allerhand Dinge schweben durch die Luft. Alles wirkt starr. Peter ist zudem auch Philosoph und fragt sich zwischendurch, was es mit dieser Starrheit in der Welt auf sich hat. Er schließlich, bewegt sich flüssig, auch Andere, im Nachbarort zum Beispiel, können das. Aber viele wie Günter, schweben einfach so herum. Peter erörtert seine Gedanken bei jedem Spaziergang immer mit seinem Spazierstock. Dieser ist etwas konservativ und hätte er Augen trüge er ein Monokel auf beiden. Trotzdem mag Peter seinen Stock. Er weiß gar nicht mehr, woher er ihn eigentlich hat. 

Peters üblicher Spaziergang führt an einigen Monolithen vorüber, sie haben keine definierten Ecken und Kanten und ihr Winkel relativ zum Boden scheint, so hat Peters Spazierstock es einmal festgestellt, zu variieren. Sie sind meist von dunkler Farbe und tragen Hüte. Sprechen können sie nicht, aber selbst Günter weiß, dass sie sich ihren Teil denken. Die Welt ist dünn besiedelt aber hie und da, wie eben auch, trifft Peter einen anderen Weltenbewohner. Zur Begrüßung, sofern der zu Begrüßende nicht starr ist, hüpft man einander etwas vor. Zweimal oder Dreimal auf der Stelle oder mit Drehung, das hängt ganz vom Wochentag und der Jahreszeit ab. Nach Austausch der Höflichkeiten wandert er weiter seiner Wege. 

Der Weg führt in ausladenden Serpentinen und drei rechten Winkeln in einen Wald. Der Eingang wird von Bäumen gesäumt. An den Enden der Äste, die übrigens immer von bunten Ringmustern gezeichnet sind, befinden sich Menschenhände. Es gibt Hände mit spitzen Fingern und Hände mit stumpfen Fingern. Wenn der Wind durch die Bäume weht, schütteln sich die Bäume gegenseitig die Hände. 

Im Wald angekommen klemmt sich Peter seinen Spazierstock in eine Bauchfalte und rollt sich zu einer Kugel zusammen. Sein Urgroßvater war einst ein Seeigel im Kaspischen Meer. Rund und stachelig rollt er den Weg entlang. Im Wald gibt es viele Tiere, sie sind sehr ängstlich. Den Rehen ist eigen, dass sie bei allzu großer Aufregung in Bewegungslosigkeit erstarren und plötzlich beginnen, nach oben zu schweben. Peter macht Motorengeräusche während seiner Bewegung, die natürlich alle umstehenden Rehe zum Erstarren bringen. Sie heben ab. Peter freut sich darüber. Rehe sieht er am liebsten fliegen. Sein Spazierstock beäugt das Geschehen gespannt. Wahrscheinlich gefällt es ihm auch. Er ist nur zu steif, um etwas zu sagen. 

Peter bleibt vor einem jungen Baum, sicherlich keine 3 Jahre alt, stehen und bückt sich hinunter, der Baum hat winzige Hände und die Farben seiner Ringmuster sind noch nicht hervorgetreten. Der Baum erwächst aus einer moosbewachsenen Stelle. Rundherum um den winzigen Stamm liegen tote, abgefallene Hände, alle in eigentümlichen Positionen. In Peters Kindheit wurde ihm erklärt, dass Hände, deren mittlere Finger alleine nach oben stehen, besonders selten sind und Glück bringen, wenn man sie denn findet. Peter betrachtet die dünnen Äste, die sich vom Hauptstämmchen verzweigen. Dort, auf einem Ast, erste Etage links, bewegt sich ein Floh geschwind hin und her. Peter klopft mit seinem Spazierstock dreimal auf den Boden und einmal leicht auf seinen Kopf, dann springt er aus dem Stand auf den Ast, auf dem auch der Floh sich bewegt. 

Peter kann dem Floh nun in die Augen sehen. Der Floh spricht in wüstem Dialekt. Das kleine Volk ist schwer verständlich, dennoch erklärt sich der Floh hastig, der Etikette folgend. Sein Name ist Rupert und er habe seine Uhr verloren. Wahrscheinlich ließ sich das kleine Volk von den großen Bäumen inspirieren, an manchen Ästen sieht man unweit des Handgelenks auch ab und an eine Uhr hervorblitzen, wenn die Sonne gerade im rechten Winkel hängt und den Minutenzeiger trifft. Uhren, das muss man verstehen, sind für das kleine Volk besonders wichtig. Da sie immer so hastig und hektisch sind, benötigen sie Uhren. Ohne Uhren können sie nicht entspannen, das Ticken gibt ihnen ihren Rhythmus. Peter hilft Rupert beim Suchen. Er klopft unbedacht dreimal mit seinem Stock auf den Boden, stolpert und fällt geradewegs mit seinem Kopf auf den Stock. Rupert sagt nichts. 

Die Welt um Peter transformiert sich, alles entwächst ihm in Windeseile. Peter sieht sich einem Bakterium gegenüber. Er flucht laut. Das empfindet das Bakterium natürlich als Unmöglichkeit und geht eingeschnappt davon. Eigentlich sind diese Wesen nette kleine Dinger, sie sehen nur gewöhnungsbedürftig aus. Hier in dieser Welt schwebt nichts mehr herum, alles wandert am Boden und auf zwei Beinen. Ein anderes Bakterium räuspert sich hinter Peter, es ist blau und hat kein Gesicht. Die Öffnung, aus der die Geräusche kommen wandert über dessen ganzen Körper und scheint nicht fixiert zu sein. Ein Anblick, an den sich Peter nur schwer gewöhnt. Hier ist überhaupt kein Ding klar begrenzt mit statischen Kanten. Alles wabert und ist in Bewegung. Peters Stock gefällt die Welt hier nicht. Das Bakterium beginnt zu sprechen und Peters Augen sind starr auf seine Lippen gerichtet. Alles andere empfände er als unangebracht. Stanislaus heißt das Bakterium und entstammt einer Adelsfamilie. Er vertreibt sich den lieben langen Tag mit Spaziergängen und Tänzen. Außerdem hat er Interesse an der Physik. Ist auch naheliegend. Zwei Welten weiter wohnen schließlich die Atome, aber dort ist es sehr eigenartig. Stanislaus war noch nie dort, er fürchtet sich ein wenig vor dieser Welt, außerdem hat er keinen Spazierstock. Über dieser Begegnung hat Peter Ruperts Uhr schon wieder vergessen. Peter hat ein schlechtes Gedächtnis. 

Er begleitet Stanislaus ein Stück des Weges. Dieser berichtet über allerhand Einzelheiten über die Welt der Atome, über seine Furcht vor Ihnen und seine Neugier. Atome sind gemeine kleine Biester. Sie machen sich einen Spaß daraus, die Anderen hinters Licht zu führen. Dort sieht man dann nichts mehr. Die Atome aber sind ja gleichzeitig überall, denen ist das egal, so belächeln sie dann liebevoll die Begrenztheit der Anderweltler. Peter ist die Faszination nicht ganz klar, das klingt eher verwirrend für ihn. 

Peters Spazierstock erinnert ihn daran, dass er seit gestern Mittag nichts mehr gegessen hat und wünscht einen Imbiss. Stanislaus ist die Gegend hier natürlich bestens bekannt. Auch die Wirtsbakterien kennt er persönlich. Ein Adelsmann muss ein Netzwerk haben, sagt er. So kommt es, dass sich die drei in einem Restaurant setzten und dort zu speisen beginnen. Stanislaus mag Proteine, Peter isst einen Burger und der Stock, er heißt übrigens Hermann und ist schüchtern, bestellt sich einen Block Butter und Jungzwiebeln. Sie plaudern über die neuesten Nachrichten – Konflikte an der Front, Bakterien befallen Tiere, befallen Menschen, Antibiotika löscht ganze Kolonien aus – täglich nichts Neues, alles wie gewohnt. Zwischen Stanislaus Proteinen versteckt sich ein gemeiner Virus. Er ist violett und hat Stacheln. Peter hat in der letzten Hedgehog Health ein Bild von dem gesehen. Er erkennt ihn sofort. Hermann brüllt ihn an und schimpft ihn aus – was ihm den einfälle hier einfach so gemein herumzulungern und das auch noch während dem Essen, er solle sich schämen und in die Unterwelt zurückrollen aus der er komme – Peter und Stanislaus sind erstaunt über den plötzlichen Anfall Hermanns, so kennt Peter ihn gar nicht. Hermann rechtfertigt sein Verhalten und bezieht sich auf den Artikel aus der Hedgehog Health, demzufolge über diesen Virus offiziell ein Schimpfbefehl verhängt wurde. Das Pflichtbewusstsein siegt offenbar über die Schüchternheit. 

Alle haben aufgegessen und verlassen das Restaurant. Peter will in die Welt der Atome und fragt Stanislaus, ob er denn mit wolle, Hermann könnte sie beide dort hinbringen. Er ist unsicher. Aber mit dem pflichtbewussten Spazierstock wird schon alles glatt gehen, denkt er bei sich. Die Neugier überwiegt und er schließt sich dem Vorhaben an. Die Welt der Viren aber wollen sie alle meiden. Mit diesen gemeinen, hässlichen Kreaturen wollen sie nichts am Hut haben. Es gab einen Punkt in der Geschichte, an dem sich die Viren entschieden, in eigener Sache zu agieren. Seit damals kommen sie den Anderen immerzu in die Quere. Es sind Plagegeister und Tunichtgute, niemand will etwas mit ihnen zu tun haben. 

Also beschließen die drei, einen nicht ungefährlichen, aber machbaren threesixty-backflip-two-worlds zu wagen. Viele haben den Sprung hier schon geschafft, schließlich will keiner in die Virenwelt, also sind sie alle guter Dinge. Peter fällt dieser Sprung besonders schwer, da er bei dem Backflip mit seinen Stacheln Gefahr läuft, irgendwo stecken zu bleiben. Einmal kam er schon ins Straucheln, damals blieb er Kopfüber hängen, als er um drei Uhr morgens sturzbesoffen in der Disco prahlte und sich bei der nötigen Kraft für den Absprung verschätzte. Er musste mit Luftpolsterfolie eingewickelt werden, damit man ihn überhaupt zu fassen bekam. Peter ist also vorsichtig. Er klopft dreimal mit Hermann auf den Boden, sich selbst leicht gegen den Kopf, holt aus und schlägt Stanislaus so hart, dass dieser sich einmal um sich selbst dreht. Peter dreht sich mit und klopft währenddessen noch dreimal auf den Boden. Beide kommen zum Stehen, sie blicken sich in die Augen. Peter fasst Herman in einer anmutigen Bewegung mit beiden Händen, als führe er ein Schwert vor sich und ist kurz davor jemanden zum Ritter zu schlagen, führt den Stock langsam in Richtung Boden, um ihn dann mit aller Kraft nach oben zu reißen, so dass es Stanislaus trifft und dieser sich vom Boden erhebt und durch die Wucht des Schlages zu einem Backflip nach hinten dreht. Peter versäumt keinen Augenblick, nutzt den Schwung und setzt zum Backflip an. Die Welt wird auseinandergezerrt und fliegt an den Dreien vorbei. Ihnen schwirrt der Kopf vom threesixty-backflip-two-worlds. 

Peter öffnet die Augen. Über ihm schweben Abermillionen Photonen aller Farben im Kreis und werfen ein grelles Licht auf die drei. Von irgendwo ertönt Burlesque-Jazz und ein Proton mit Zylinder am Haupt stolziert auf die illustre Gemeinschaft zu. Es blickt selbstsicher und verführerisch. Wüchsen ihm Hörner, würde es niemanden wundern, soweit unten wie sie nun sind. Sie stellt sich vor. Emmys Name hallt durch die unbegrenzten Weiten dieser Welt. Überall und gleichzeitig wird er vernommen und nicht vernommen. Die Stimmung ist fürchterlich und reizvoll zugleich. Einen Augenblick später ist Emmy verschwunden und Enrico tritt an ihre Stelle. Er ist blaß und hat Eyeliner um die Augen. Er trägt ein Streifenhemd. Unweigerlich muss Hermann an einen Pantomimen denken. Stanislaus ist das egal, er sieht ohnehin nichts. Enrico verschwindet. Es ist unheimlich hier, da sind sich die drei einig. Peter macht einen Schritt nach vorne und fällt plötzlich von der Decke, mit dem Bauch voran, er beschleunigt, wird immer schneller und schneller, er ist in einer Endlosschleife des Fallens gefangen. Hermann löst sich aus Peters Igelhändchen, beschreibt einen Bogen, nimmt den Schwung mit und trifft Peter mit aller Wucht. Er errettet Peter aus einem unfassbar öden Schicksal, dem endlosen Fall des Quantenigels. Peter wird hart an die Wand geworfen, bleibt aber nicht stecken, da die Wand keine definierte Fläche hat, ein Glück für Peter. Stanislaus hat nichts gesehen. Er fühlt sich benachteiligt und will nach Hause. 

Indes erkennt Hermann seine Bestimmung und verwandelt sich zu einer strahlenden Gestalt, die in greifbaren Begriffen bestenfalls als ein Mischwesen aus Budda, Legolas und dem Weihnachtsmann erklärt werden kann. Hermann ist die Ursache des Schicksals selbst, er erkennt, dass er Peter, seit jeher, auf seinen Wegen geführt hat. Er gibt sich Peter als Orakel zu erkennen. Auf diesen Moment lief Peters Existenz hinaus, alle Strapazen münden an diesem Punkt im Raumzeitkontinuum, irgendwo in der kleinsten Welt. Stanislaus hält gespannt die Luft an. Der umgebende Raum beginnt zu flimmern, die Welt verengt sich zum 16:9 Format, die Titelmelodie von Spiel mir das Lied vom Tod ertönt leise aus dem Hintergrund und das schummrige Licht der Photonen flackert. Woher kommt mein zusätzlicher Stachel? Ertönt plötzlich die Frage aller Fragen, die Ursache jedes Atemzuges, der Grund aller Dinge. Hermann gleitet vor Peter herab und legt ihm eine Hand auf die Stirn. Stanislaus hört übrigens im Hintergrund zu. Du hast dich verzählt., hallt es überall und nirgends in dieser Welt. Das Flimmern schwingt im Takte Hermanns Wörter. In einem furchtbaren Knall explodiert Stanislaus, weil ihn die Geschichte nicht mehr braucht. Peter wacht auf. 

Wie jeden Morgen beginnt er damit, seine Stacheln zu zählen.