Mit Handke spazieren gehen
»Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoß ihm den Ball in die Hände.« Es ist schön, ich muss nach draußen gehen. Gut, dass ich mit dem Hinausgehen noch gewartet habe, jetzt hat sich der Nebel verzogen, jetzt lohnt es sich noch mehr. Soll ich wirklich mit diesen Socken in die Schuhe – die werden bestimmt nass. Irgendwann muss ich mir neue Schuhe kaufen. Eigentlich brauche ich keine neuen Schuhe, ich muss nur aufpassen, wohin ich mich bewege. Das ist sicher ein versteckter ökonomischer Handlungshinweis. Komme ich wohl jemals dahinter, wie weit sich meine Verhaltensweisen wirklich an der Ökonomie orientieren? Dieser Pullover ist mein liebstes Stück, er ist genau richtig warm und dabei nicht zu warm, sieht außerdem gebraucht aus und man sieht die Schweißflecken darauf nicht. Man riecht sie wohl, wenn man es mit dem Tragen übertreibt, aber das geschieht ja schon lange nicht mehr. Gut, dass ich Sachen so schwer wegwerfe. Ich binde mir die Schuhe draußen zu, ich will nichts vom Sonnenlicht verschwenden. Sehen sie mich? Das muss Besuch sein oder habe ich sie nur schon zu lange nicht mehr gesehen? Erwarten sie sich einen Gruß? Ich bin ja noch zu weit entfernt. Ich hätte grüßen sollen, jetzt ist es zu spät. Ich werde beim Vorbeigehen grüßen. Sie sind zu weit weg, das wäre jetzt komisch. Man muss sich nicht immer an Höflichkeiten halten. Und wenn sie mich für unhöflich halten, kann es mir egal sein. Fragen sie sich, ob ich immer so bin? Das müssen Hasenspuren sein. Ein Reh sieht anders aus. Witzig, wie die Hasenspuren ihre geschwungenen Bahnen durch den Schnee ziehen. Die Welt wäre viel witziger, würden die Tiere sprechen. Der Hase, der hektisch spricht, sich selbst im eigenen Satz überschlägt. – Gerne würde ich ihm eine Aktentasche und eine Uhr hinzudenken; Es passt zu den gehetzten Tieren. Rehe wirken weniger gehetzt. Vielleicht weil sie zumeist in Gruppen zu sehen sind. Eine Gruppe ist oft mit einer Absicht verbunden, eine Absicht nimmt den Ekel vom Gehetzt-Sein. Ich vermeide es sehr, in Gruppen zu sein, aber Gehetzter bin ich keiner. Also muss es Zwischendinge geben. Warum gewichtet man den Geldwert immer höher als den ästhetischen, warum immer diese Monokulturen? Sie sind auch ein bisschen schön anzusehen, dennoch Monokulturen. Die müssten das eigentlich wissen. Ob sie sich fragen, des Nachts vor dem Schlafengehen, ob sie das ändern sollten, dann aber einfach zu träge dafür sind? Wie sieht es für andere Spazierer aus, wenn meine Fußabdrücke, mit demselben Profil, einmal in die eine und direkt daneben in die andere Richtung zeigen? Sie schien hier gestern entlangspaziert zu sein. Sehr geradlinig, wahrscheinlich verkopft, in Gedanken, ich gehe auch so, wenn ich nur an eine Sache denke. Beziehungen sind Arbeit. Schon wieder ein ökonomischer Begriff. Langsam komme ich dahinter. Querfeldein zu laufen, auf solchen offenen Flächen fühlt sich an wie Verschwendung. Heute ist es kalt. Wenn der Schnee so brüchig wird, obwohl die Sonne darauf scheint, dann ist es richtig kalt. Ich sollte vorsichtig sein, unter der Schneedecke könnte ein Loch oder ein Bach sein, unbedachte Schritte könnten mir die Beine brechen. Beim Gehen verlagert man das Gewicht so nach vorne. Zum einen beschleunigt es den Schritt, zum anderen liegt der Schwerpunkt dann außerhalb meines Körpers. Aber mit zurückgelehntem Oberkörper zu laufen, sieht erstens seltsam aus, zweitens ist man damit viel langsamer. Ob der Stein wohl warm ist? Es ist wunderlich, wie lange es dauert, um die einfachsten Dinge in der Welt zu begreifen – dunkle Oberflächen werden viel schneller warm als helle Oberflächen. Wenn ich hier den Stein vom Schnee freilege, so wird der Schnee rundherum schneller schmelzen. Hier liegt so viel brauchbares Geäst. Es fühlt sich komisch an, am helllichten Tag etwas davon mitzunehmen. Eigentum, vor allem wenn es den Wald betrifft, ist eine kranke Idee. Ich verstehe, dass ich mir keinen Baum aus dem Wald nehmen darf. Aber die, die Wälder umzäunen und absperren, weil sie keine Fremden darin wollen, selbst wenn sie nur spazieren, sind kranke Leute. Hier war jemand vor mir spazieren, vermutlich heute. Das sind sehr kleine Schuhe, sieht nicht aus, als hätten sie viel Profil, sieht mir nach schwarzen Damenschuhen aus. Wir haben den gleichen Spazierweg. Was dachte sie sich, als sie meine Spuren hier so verkreuzt und durcheinander beobachtet hat? Hat sie überhaupt etwas gedacht? Es sieht nicht so aus, als hätte sie innegehalten. Schade, ich hätte mich gefreut. Ich freue mich, wenn ich andere Fußspuren finde, selbst von Tieren, wenn sie so durcheinander sind. Bei Tieren noch viel eher. Ich verstehe nicht, warum es witzig ist, sich Tiere vorzustellen, die so durcheinander Fußspuren hinterlassen. Ich muss es aber auch nicht wissen. Im Wald ist es nicht so windig. Auch interessant, dass weniger Wind die Umgebung wärmer macht. Aber logisch, der Körper wird konstant warm gehalten und erwärmt damit auch die um das Gesicht liegende Luft. Bei Wind wird diese Luft viel eher von in der Nähe befindlicher kalter Luft ersetzt, darum scheint es auch kälter zu sein. Ich sage oft befindlich, wenn ich von physikalischen Sachverhalten denke. Dieser Ast hängt schon seit ich mich an diese Stelle erinnern kann hier, ich könnte kleine Kerben hinein ritzen, jedesmal wenn ich vorbeikomme, eine. Ich muss mich von Anblicken in der Natur willentlich losreißen, es ist wie eine Sucht nach diesen Anblicken. Oft muss ich wieder zurückgehen, weil ich denke, etwas nicht ausreichend betrachtet zu haben. Das ist neurotisch. Das ist einfach schön. Licht ist das Schönste, was sich finden lässt. Das hat Tolkien auch gewusst. Licht ist so billig. Eine kleine LED-Lampe kostet wenig und mit Licht lassen sich so schöne Sachen machen. Wenn ich Rot mit Weiß mische, kommt ein helleres Rot zustande. Dieses hellere Rot ist nicht im weißen Sonnenlicht enthalten. Gibt es dieses hellere Rot? Ist es eine Farbe, wenn es nicht im Sonnenlicht enthalten ist? Sicher ist es eine Farbe, ich kann damit malen. Ist jede Farbe im Sonnenlicht enthalten? Der Dunst über dem Feld reflektiert das Sonnenlicht so stark, dass die Ebene zu strahlen scheint. So wird der Weg in den Tod immer dargestellt. Kommt mein Kopfschmerz von der Helligkeit? Warum habe ich eigentlich Angst, mit geschlossenen Augen vom Weg abzukommen? Es ist eben, was soll geschehen; Und doch bleibe ich am Weg. Zwei Hasen, drei, oder doch nur einer? Da hinten dreht er sich wieder um, läuft in dem Bogen hierher, läuft da rüber und runter. Zwei also, oder nur einer.
Die arbeiten fleißig. Sechs Leute, um die paar Sachen zu tragen? Klar, wenn man innerhalb der Familie hilft, kommt es nicht auf Effizienz an. Schon wieder ein ökonomischer Hintergedanke, das ärgert mich. Wenn ich meine Kinder, die ich nie haben möchte, erziehe, dann werde ich mit aller Kraft versuchen, sie frei von den Ketten dieser Ideologie zu halten. Das ist Roman mit seiner Freundin und seinem Schwager. Ihre Silhouette sieht aus wie die der Frau vom Schwager. Wie hieß sie? Mareike? Nein, das war die Freundin von Roman. Ob sie es seltsam finden, dass ich am Samstag nur spazieren gehe und nichts zu arbeiten habe?
“Servus, Griaß eich.”
Meine Stimme ist immer höher als normal, wenn ich mit Unvertrauten spreche. Hätte ich hingehen sollen? Hat mich Roman gesehen, hat er weggeschaut? Macht man das so unter Nachbarn, ohne Zweck und Grund hingehen, Hallo sagen? Aber dann, wie dann weiterreden? Man kann auch ohne Absicht, ohne irgendwelche Anliegen miteinander kommunizieren – wieder so ein ökonomisches Überbleibsel in meinem Denken. Ob sie dann alle reden wollen? Ob sie das seltsam finden, wenn nur Roman mit mir redet, während die anderen weiter die Sachen herumtragen? Ach! Ob die nun wollten oder nicht, ob die es höflich oder unhöflich fanden, kann mir egal sein. Der Bloch macht auch einfach Sachen ohne Grund, aus einem Impuls heraus. Niemand fordert, dass er sich erklärt. Vielleicht werde ich das auch lernen.
Warum steht der Raps noch immer? Im Sommer ist der Vater vom Schwager verstorben, – warum kann ich mir Namen nicht gut merken? – vielleicht war einfach keine Zeit für die Ernte, wegen der Bestattung. Ich muss dazu jemanden fragen. Ich sollte auf der linken Straßenseite gehen, dann kann Roman anhalten, sofern er mit dem Auto fährt, und wir können aus dem Fenster ein paar Höflichkeiten austauschen. Was würde ich sagen? Und, steht das Haus bereits? Wie geht’s voran? Würde mir jemand solche Fragen stellen, ich fände sie plump. Wie geht’s euch beim Hausbau, freut ihr euch schon? Das wäre wieder zu tiefgreifend, man will sich ja nicht auf der Straße in große Dinge und Befindlichkeiten verstricken, das will keiner. Ich nicht und die anderen auch nicht. Es ist wieder viel kälter. Am Abend, bei rötlichem Licht, wäre diese Hausmauer ein idealer Platz für ein Foto, ideal für mein Projekt, ich muss sie fragen, ob ich dort ein Foto machen darf. Lächerliche Frage, was werden sie wohl sagen. Links zu gehen ist sinnvoller, weil ich die Autos sehe, die auf mich zukommen, ich kann viel schneller reagieren. Wenn der nicht ausweicht, habe ich genügend Zeit, um zur Seite zu springen. Was glänzt dort so, ist das Schnee? Aber warum sollten einzelne Schneeflocken am Asphalt nicht schmelzen? Nein, das sind diese Glimmersteine. Sieht schön aus, wenn es funkelt, die Sonne steht gerade richtig.
Seit einem Jahr leben wir hier, alles ist so normal geworden. Ich sehe die Anzeige noch vor mir, vor allem das Foto von der Vorderseite mit den roten Blumen im Sommer, die dem Haus diesen einladenden und positiven, irgendwie märchenhaften Charakter gegeben haben. Nur jetzt im Winter fehlen sie. So normal, so gut. Die Post war heute auch schon hier. Im Winter sieht man die Vergangenheit direkt vor der Nase. Wenn sich der Schnee zuerst platt gedrückt, dann zu einer Sprungschanze nach oben formt, dann weiß ich, dass die Post hier war. Sonst kommt keiner. Ich sollte den Schnee wegschaufeln. Warum sollte ich den Schnee wegschaufeln! Der sieht doch schön aus und er vergeht so oder so von selbst, das wäre sinnlos.