Der letzte Mensch
Kapitel 1 – Der Tag, an dem die Welt still stand
Oskar hatte einen anstrengenden Tag. Die Firma, bei der er arbeitete, schrieb zuletzt schlechte Quartalszahlen und das Management ordnete daher Personalkürzungen an. Oskar war halb froh, halb enttäuscht, dass es nicht ihn traf. Er leistete gute Arbeit, doch zufrieden war er mit seinem Job nicht. Zumindest zahlte die Firma gut und er musste sich keine Alternative überlegen. Aufgrund der Personalkürzungen fiel es ihm zu, in der Marketingabteilung auszuhelfen. Oskar arbeitete eigentlich im Kundenservice und es gab ständig mehr zu tun, als Zeit dafür vorhanden war. Dennoch würde Oskar einen Weg finden, auch die To-Do’s des Marketingteams zu bearbeiten. Oft blieb er auf dem Nachhauseweg bei dem Würstelstand stehen und holte sich eine Bosna und zwei Dosenbier. Die Arbeit kostete ihn so viel Energie, dass er zum Kochen am Abend keine Lust mehr hatte. So war es auch heute. Der Tag war anstrengend und er konnte endlich zu Hause entspannen. Oskar klappte seinen Laptop auf und begann, wie so oft, wenn er keine Energie mehr für anderes hatte, eine seiner Serien fortzusetzen. Irgendein Streamingdienst hatte immer etwas anzubieten, das ihm gefiel und wenn nicht, dann berauschten ihn die zwei Dosenbier gerade so sehr, dass es ihm egal war.
Vier Stunden später war es kurz vor Mitternacht und er klappte den Laptop zu. Endlich war er schneller als die Autoplay-Funktion des Streamingdienstes und konnte den Start der nächsten Folge gerade noch so verhindern. Er war müde und seine Gedanken wirr. Er ging ins Badezimmer, putzte sich die Zähne und betrachtete sich währenddessen im Spiegel. Oskar stellte sich an diesem Moment des Tages oft die Frage, ob es nicht sinnlos sei, so vor sich hin zu leben, ob das nun der Gipfel der Existenz war. Er wusste natürlich, dass dem nicht so war. Seine Fragen kamen immer mit einem ironisch-mitleidigen Unterton, doch er war nicht mehr in der Lage, der Frage intellektuell nachzugehen. Er spülte den Mund aus, trocknete sich ab und legte sich ins Bett. Vielleicht träumte er heute Nacht etwas Aufregendes, vielleicht nicht.
Der Wecker klingelte um sechs Uhr morgens. Oskar drückte ihn zweimal weg und stand zwanzig Minuten später auf. Er bereitete sich Kaffee zu und trank ihn, während er verschlafen aus dem Fenster sah. Der Schlaf, der Traum und der Morgen waren die letzten Häfen der Ruhe, fand er. Am Klo wollte er über sein Smartphone die neuesten Nachrichten lesen, doch seltsamerweise waren es dieselben Nachrichten wie gestern. Verwundert legte er das Smartphone wieder weg. Er machte sich für die Arbeit fertig, ging vor die Tür und stieg in sein Auto. Rundherum war niemand zu sehen. Sein Elektroauto war relativ neu und die vielen leuchtenden Bildschirme gefielen ihm nicht. Analoge Anzeigen mochte er lieber, doch es gab sie einfach nicht mehr. Er fuhr an die Kreuzung, blinkte — es kam kein Auto — und fuhr raus. Nach der Fahrt in die Firma, die normalerweise immer eine halbe Stunde dauerte, heute aber nach zwanzig Minuten geschafft war, begann er skeptisch zu werden. Er sah nicht einen einzigen Menschen auf der Straße. Keine Fußgänger, keine anderen Autofahrer, nichts. Auch der Parkplatz seiner Firma war leer. Er ging zur Tür und hielt seine Chipkarte hin. Es piepste kurz, ein grünes Lämpchen leuchtete und die Tür entriegelte. Er ging hinein. Die automatische Beleuchtung ging an, aber niemand außer ihm war hier. Zuerst leise, dann immer lauter, rief er durch die Büros. Niemand antwortete. Er war alleine. Oskar nahm sein Smartphone heraus und versuchte, Sophie, seine Arbeitskollegin, zu erreichen. Es piepste mehrmals, dann kam die Voicemail. Auch seine anderen Kollegen waren nicht erreichbar. Niemand war erreichbar. Oskar wurde langsam unwohl, er konnte sich keinen Reim auf diese bizarre Situation machen. Er fragte sich öfters, ob er träumte und zwickte sich in den Arm, doch alles blieb so, wie es war.
Den restlichen Tag verbrachte Oskar damit, in der nächstgelegenen Stadt vergeblich nach anderen Menschen zu suchen. Die Läden und Cafés öffneten ihre Türen nicht, die Straßenbahnen fuhren nicht, alle Menschen waren fort. Er setzte sich also alleine in den Park und dachte nach. Nach einer Weile fiel ihm auf, dass die Ameisen und Schmetterlinge wie gewohnt ihrem Tagesablauf folgten, auch ein Eichhörnchen sah er ganz kurz. Die Tiere waren also noch hier, nur die Menschen fehlten. Oskar fühlte sich für einen Moment recht wohl auf dieser Parkbank. Ein Umstand, der seltsam war, das fiel ihm auch auf. Er mochte die Stadt nicht, darum lebte er auch weiter weg, am Land, dort wo es ruhiger war, wo es weniger Geschäfte gab. Da fiel ihm plötzlich auf, wie ruhig die Stadt war. Es war niemand hier, er war alleine. Ein bellender Hund riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah sich um und fand den Hund hinter der Balkontür einer Wohnung. Die Tür führte in einen eingezäunten Garten. Oskar wunderte sich, warum den Hund niemand hinaus ließ, als ihm einfiel, dass alle Haustiere in ihren vier Wänden gefangen waren. Nicht nur Haustiere, auch die Nutztiere. Die vielen Kühe, die gemolken werden wollen, die Schafe und Hühner, die gefüttert werden wollen. Er konnte nicht glauben, dass alle Menschen fort sind, das konnte nicht sein. Von einer sonderbaren Eile gepackt, ging er zurück zu seinem Auto und fuhr den restlichen Tag ziellos herum. Irgendwo musste er jemanden finden, so sagte er sich.
In den folgenden Tagen sah Oskar keine Serie mehr. Er las auch keine Nachrichten mehr. Er war mit dem Wandel der Welt beschäftigt und damit zu begreifen, dass er alleine war. Vom einen auf den anderen Tag waren alle Menschen verschwunden. Seine Familie, seine Freunde, alle. Am meisten beschäftigte ihn das Warum. Er konnte sich nicht erklären, wie etwas derartiges möglich war und brachte noch einige Zeit damit zu, nach Antworten zu suchen. Einige Tage nach dem Verschwinden aller Menschen fiel auch der Strom aus. Oskar begann, sich mit seinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Er musste sich überlegen, wie er ohne Strom zurechtkäme, woher er sein Essen bekäme, was er tun würde, angesichts der vielen gefangenen Haustiere und der anderen Probleme, die dieses Ereignis mit sich brachte. Er war wie ein verängstigtes Kind, das nicht wusste, was geschah. Er war hilflos geworden. Und das waren nur seine lösbaren Probleme. Er vermisste seine Freunde und seine Familie, vermisste den Kontakt zu anderen, er wollte mit jemandem darüber sprechen, was hier geschah, wollte nicht alleine damit leben müssen. Doch da war niemand. Diese unlösbaren Probleme schob er in den abgelegensten Raum seines Gedächtnisses und verschloss die Tür. Er wusste, dass ihm ein emotionaler Zusammenbruch nicht helfen würde und er wusste auch, dass er sich gut mit all den anderen Umständen ablenken konnte. So tat er es auch. Nur am Abend, beim Feuer unter den Sternen oder unter der Decke im Bett, kamen die Gedanken auf leisen Sohlen durch die versperrte Tür. Er konnte nichts dagegen tun und weinte. Die Abende waren schlimm für ihn, aber er überlebte sie.
Kapitel 2 – Sommer
Oskar hatte Glück. Der Tag an dem die Menschen verschwanden war ein Frühlingstag, somit hatte er Gelegenheit, nachdem er die ersten Wochen zwischen emotionaler Verzweiflung und gesellschaftlicher Regelfreiheit hin und hergerissen war, sich im Anbau von Nahrung zu versuchen. Er brach in Gartengeschäfte ein und nahm sich einige Bücher mit, die er am Abend begeistert las. Er freute sich darauf, etwas wachsen zu sehen und die Aussicht darauf, seine Nahrung selbst zu produzieren, gab ihm einen Grund, etwas zu tun. So fand er immer mehr Aufgaben, um sich zu beschäftigen. Überleben konnte er noch lange, auch ohne selbst etwas anzubauen. Die Regale der Supermärkte waren voll mit allerlei Essbarem. Wahrscheinlich müsste er sich garnicht um Nahrung bemühen, doch er wusste, dass er nicht in alle Ewigkeit von Dosenananas leben wollte. Oskar kam also gut zurecht. Selten langweilte er sich oder ließ die Trauer hervor. Er fühlte sich lebhafter als zuvor, lebhafter als in den Arbeitsstunden, die er neben den vielen anderen Menschen verbrachte. Er hatte mehr Freude am Leben. Niemand war da, um ihn an Regeln zu erinnern. Es gab keine Regeln mehr. Darum machte er eine Routine daraus, an einem bestimmten Wochentag mit einem Baseballschläger durch die Möbelhäuser zu ziehen und allerlei Sachen zu zerdeppern. Gläserne Möbel und Lampen hatte er am liebsten. — Man kann sich vorstellen, was einer tut, der keine Regeln mehr achtet und Lust am Leben findet. Die meisten Haus- und Nutztiere starben innerhalb der ersten Woche. Dagegen konnte Oskar nichts tun. An einem Tag machte er es sich zur Aufgabe, Wohnungen und Häuser in der nahen Nachbarschaft aufzubrechen, um die Tiere zu befreien. Doch es war ein unsinniges Unterfangen. Er konnte nicht alle retten. Er dachte daran, die Kühe der Bauern in der Umgebung aus ihren Ställen zu befreien. Das tat er auch, so gut er es vermochte, aber er wusste nicht was darauf folgte. Nach langen Versuchen und vielen Selbstgesprächen sah er ein, dass es ein unlösbares Problem ist. Nach einiger Zeit begann er Ställe anzuzünden. Er wollte nicht, dass das immer häufiger umherstreifende Wild sich eine Krankheit durch die toten Nutztiere einfängt. Aber auch das war eine Lebensaufgabe. Es gab so viele Ställe und so viele tote Tiere, dass er es nicht schaffen würde. Die Umwelt würde es ohnehin von selbst ins Lot bringen.
Mittlerweile waren vier Monate vergangen und Oskar hatte erkannt, dass sich die Natur sehr gut selbst helfen konnte, auch ohne sein Zutun. Er hatte mittlerweile auch einen neuen Freund gefunden. Einen Hund, den er befreit hatte, nahm er mit zu sich. Der Hund wurde Oskars bester Freund und er nannte ihn Alfred. Ein unpassender Name für einen Hund, er kannte sonst nur Menschen, die Alfred hießen. Auch andere Tiere hatte er rund um sich herum angesiedelt. Nicht um sie zu nutzen, er wollte lediglich Gesellschaft und Alfred erfreute sich ebenso daran. Natürlich bekam jedes Tier einen Namen. Alfred schlief im selben Zimmer wie Oskar, in einem eigenen Bett, auf der teuersten Bettwäsche, die Oskar im Möbelhaus finden konnte. Sein Humor blühte förmlich auf, auch in dieser vermeintlichen Einsamkeit. Nachdem Oskar den Hund fand, begann er häufiger zu sprechen. Davor führte er nur Selbstgespräche und diese meistens in Gedanken. Nach so langer Zeit war er überrascht, wie gut es tat, etwas laut auszusprechen. Seither sprach er oft und viel mit Alfred. Auch mit den anderen Tieren sprach er, doch es schien, als ob nur Alfred wirklich kümmern würde, was er zu sagen hatte. Kurz vor dem Schlafengehen öffnete sich Oskar und teilte all seine Kummer mit ihm. Oskar wusste, dass Alfred ihm zuhörte. Wenn er nicht hören wollte, ließ er beide Ohren schlaff nach unten hängen. Wenn er neugierig und aufgeregt war, spitzte er beide Ohren und wenn er des Abends seinem Freund zuhörte, lag er bequem auf seinem Bett, die Schnauze auf seine Pfoten gelegt, mit einem Ohr, das aufmerksam in die Luft ragte. Das andere hing schlaff herab. Je mehr Zeit verging, desto besser schien Oskar die Mimik seines Freundes zu verstehen. Er begann, stärker daran zu glauben, dass Alfred ihn buchstäblich verstehe und auch buchstäblich antwortete, doch er glaubte ebenso daran nicht wahnsinnig zu sein, also verdrängte er dieses Gefühl.
Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Es wurde kühler draußen. Oskar war stolz auf alles, was er geschafft hatte. Er hatte Nahrung produziert, sich um all seine Befindlichkeiten gekümmert, Freunde gefunden und mehr Neues gelernt, als in den Jahren zuvor, selbst wenn man es zusammen zählte; und er hat einen Umgang mit seinem Alleinsein gefunden. Er lebte noch. Er vermisste seine Familie und seine Freunde sehr, doch er akzeptierte die Welt nun wie sie war, er konnte ohnehin nichts daran ändern und hatte mittlerweile gelernt, keine Energie für unlösbare Probleme zu verschwenden. Er fragte auch nicht mehr nach Gründen, denn es war ohnehin niemand da, der ihm hätte antworten können. Er hatte Glück gefunden und akzeptierte sein Schicksal.
Kapitel 3 – Winter
Der Winter nahte unaufhaltsam, es wurde kälter und ungemütlicher. Oskar sehnte sich nach Wärme und Nähe, doch da war niemand. Nur Alfred, mit dem er sprechen konnte, mehr aber nicht. Er wurde wieder stiller und die Freude, die er gefunden hatte, wurde wieder spärlicher. Er hatte aufgehört, Möbelhäuser zu zerstören und draußen Spaß zu haben. Er kümmerte sich dafür intensiver um seine Tiere, richtete ihnen gute Häuser und bemühte sich, es ihnen allen recht zu machen. Außerdem hatte er sich im Sommer die Aufgabe gestellt, Bibliotheken zu durchforsten und interessant klingende Bücher zu sammeln. Nach einer Weile häuften sich so viele Werke an, dass ihm die Lust am Lesen verging. Niemals würde er all diese Bücher lesen und niemals könnte er all das Wissen bei sich behalten. Er begann also, per Zufall zu entscheiden, welches Buch er mitnahm. Die Welt entzog sich ohnehin seiner Kontrolle, also gab er es auch auf, große Pläne zu schmieden und sich Strategien zu überlegen. Wenn er schon keine Kontrolle hatte und im Fluss des Lebens einfach so dahin trieb, dann konnte er sich auch eine Freude daraus machen und die Dinge nehmen, wie sie kamen. So jedenfalls dachte er. Betrat man Oskars Bibliothek, fand man vor allem bunte Bücherbände. Es herrschte ein wildes Durcheinander. Auf ein Kochbuch folgte eine Abhandlung über Phonologie, eine Biographie eines japanischen Skispringers, ein Buch über Knoten, große Bildbände zur Malerei und allerlei Romane. Ein Lehrbuch zur griechischen Sprache lag auch dazwischen. Die Anzahl der Bücher war überschaubar. Oskar wusste, dass er nicht alle nach Hause bringen musste. In der Bibliothek würden sie bestimmt besser aufgehoben sein, so glaubte er und er konnte ja ohnehin immer dorthin zurück, um mehr zu holen. So verbrachte er nun viel Zeit vor einem Kaminofen, las und verbrauchte eine Menge Holz und Kerzen. Zu Essen gab es reichlich, denn er hatte gelernt, Felder zu bestellen, Gemüse und Getreide zu ernten und es haltbar zu machen. Er aß gesünder als früher, auch wenn es manchmal nicht astrein schmeckte. Von Zeit zu Zeit unternahm er eine Wanderung zum nächsten Weingut. Er war lange unterwegs, doch das nahm er gern in Kauf, die schneebedeckte Landschaft und die klare frische Luft wären beinahe Lohn genug gewesen, doch am Ende wartete ein großer und voller Weinkeller. Wenn es früh dunkel wurde und er den ganzen Tag nur lesen und spazieren konnte, hatte Oskar am Abend noch zu viel Energie um einschlafen zu können, er war also froh um den guten Wein, den er reichlich in sich hinein schüttete. Er vergaß die Grenzen. Es gab schließlich keine Grenzen mehr, die er hätte einhalten müssen. So kam es, dass die Trauer und Verzweiflung, die er überwunden glaubte, verwandelt als Dämonen, alle Wände, Türen und Schlösser in seinem Geist einrissen und zerbrachen und zahlreich und stark in ihm wüteten. Er versuchte, sie alle zu ertränken, während Alfred ihn beobachtete. Oskar war zu verwandelt in seinem Rausch, als dass er hätte verstehen können, was sein Freund ihm sagte. Eines Tages wurde Oskar krank. Er war davor schon schwach gewesen, hatte tagelang nur ins Feuer gestarrt, sich in Decken gehüllt und Alfred nicht mehr beachtet. Der Hund lag ruhig auf seinem Bett und beobachtete Oskar, wenn er nicht schlief. Manchmal, wie er es für nötig befand, stand Alfred auf und ging hinaus. Oskar hatte Alfred beigebracht, die Tür selbst zu öffnen. Er kam jeden Tag wieder und schlief jeden Tag im selben Bett. Es vergingen einige Wochen – für Oskar fühlte es sich noch viel länger an. Er hatte keine Energie, etwas zu tun. Die Krankheit wurde immer schlimmer. Zuerst war es ein geistiges Leiden, doch es wuchs an, bis es sich im Fieber zeigte, sodass kein Wein mehr half. Oskar war ernstlich krank geworden und es gab niemanden, der ihm helfen konnte. Alfred beobachtete ihn wie sonst auch, es gab kein Anzeichen von gesteigertem Mitgefühl. Seine wachsamen Augen blickten gleichgültig-freundlich auf Oskar, der in seinem Sessel versunken in die Flammen starrte. Das Leiden nahm kein Ende und Oskar sah von Tag zu Tag schlechter aus. Er dachte bereits an den Tod. Im einen Moment tadelte er sich für seine Naivität, im anderen akzeptierte er den Tod. Er ist ohnehin der Letzte. Ob er nun lebe oder sterbe, war plötzlich nicht mehr wichtig. Solcherlei ging ihm durch den Kopf und er begann sich lächelnd an den Sommer zu erinnern, dann wieder weinte er, in Erinnerung an seine Freunde. Oskar war ein zerrissenes Geschöpf geworden. Er verabschiedete sich bereits von Alfred, der ihn weiterhin nur, wie sonst auch, beobachtete. Oskar legte sich mit der Absicht ins Bett, nicht mehr aufzuwachen. Der Rest war ihm unwichtig geworden. Mehrere Tage zog sich dieses Spiel und immer wieder verabschiedete er sich von Alfred. Er aß tagsüber nichts mehr, stand zum Schluss gar nicht mehr auf. Er dachte nur mehr an die Begegnung mit dem Tod, während Alfred zusah, manchmal aufstand und raus lief und dann wieder kam. Schließlich träumte Oskar. Er träumte wild und wälzte sich im Bett von der einen auf die andere Seite. Er murmelte und wimmerte. Alfred hob den Kopf und spitzte die beiden Ohren. Sein wachsamer Blick folgte Oskar von der einen auf die andere Seite.
Oskar ging übers Wasser, ohne zu versinken. Er ging mitten im Meer. Um ihn herum war nichts außer Meer und Horizont. Menschen, Freunde, Familie, Bekannte fielen vom Himmel herab und versanken im Wasser. Er sah ihre Gesichter unter der Oberfläche – verzerrte Erinnerungen, er konnte ihnen nicht helfen. Oskar konnte nichts tun, als weiterzugehen, während um ihn herum Menschen aus den Wolken herabfielen und ertranken. Er fluchte, grollte der Ungerechtigkeit und schrie, bis seine Stimme brach, doch es half nichts. Die Menschen fielen weiterhin und ertranken um ihn herum. Nach einer langen Zeit kam Oskar an ein Loch im Meer. Keiner fiel mehr herab und keiner ertrank mehr um ihn herum. Das Loch war schwarz und schimmerte vom Licht, das sich in dem unkontrollierten Wellengang darüber brach. Jede Trauer, jede Verzweiflung war plötzlich verflogen, als die Schönheit der Schwärze, durchzogen von gebrochenen Strahlen bunten Lichts, seinen Blick einfing und bannte. Oskar konnte sich nicht rühren, er spürte den Sog dieses Lochs. Es zog an ihm. Es begehrte ihn. So sehr verlangte es Oskar nach Begehren, dass er beinahe zerbrach an diesem Gefühl… Er stand da und war erfüllt und leer zur gleichen Zeit, er schwankte gefährlich am Rande des Lochs, als er am Horizont ein Boot entdeckte. Es kam schnell auf ihn zu, doch ohne Eile. Sein Stand festigte sich und das Schwanken hörte auf, obwohl er den Sog noch immer spürte. Von fern hörte er eine Stimme, doch er erschrak nicht. Es war dieselbe Stimme, die er jeden Tag hörte, es war seine eigene Stimme. Er selbst saß in dem Boot. Der Bootsmann Oskar hatte einen langen Bart, sonnengegerbte Haut und ein freundliches Gesicht. Hinter ihm saß ein Hund. Ein Ohr hängend, eines in die Höhe ragend. Er schien zu lächeln. Plötzlich lachte Oskar laut und er hörte nicht mehr damit auf. Er stellte sich sicheren Tritts an den Rand des Lochs und begann hinein zu brunzen. Als er fertig war — er lachte noch immer —, bestieg er das Boot und fuhr mit sich selbst und dem Hund in den Sonnenuntergang.
Oskar hatte noch das Gelächter im Ohr, als er früh morgens aufwachte und genesen war. Er musste grinsen und bemerkte seine von Schweiß — und wer weiß was noch — nassen Laken nicht. Er sprang aus dem Bett und umarmte Alfred, der ein Ohr spitze und freundlich hechelte. Als Oskar mit der Umarmung fertig war, wich er ein Stück zurück und sah seinem Freund in die Augen. Er bedankte sich bei ihm und ließ einen Freudenschrei los, obwohl er nicht wusste, für was er sich bedankte. Alfred schien ebenso zu lachen als er plötzlich sagte: »Fein gemacht, Alter!« Oskar erschrak so heftig, dass er aufsprang und nach hinten fiel, mit weit aufgerissenen Augen stolperte, sich im Flug drehte und mit dem Gesicht mitten in seinen Laken landete. Der Hund brüllte vor lauter Lachen so laut auf, dass man es für ein Bellen missverstehen hätte können. Eine Träne kullerte ihm über die Lefzen »Ich rieche, dass du ins Bett gepisst hast, wuffwuffwuff.«
Kapitel 4 – Ein Leben ist zum Leben da
So ganz konnte sich Oskar nicht daran gewöhnen, dass Alfred wirklich mit ihm sprach. Er fand es noch immer seltsam. Alfred hingegen freute sich einfach, dass Oskar nun endlich hörte. »Es ist, als watschelt ihr mit Scheuklappen an den Ohren durch die Welt. So lächerlich das auch aussehen mag, das Lächerliche daran stört euch nicht, euch stört nur, wenn einer die Scheuklappen mal abnimmt«, erklärte Alfred, nachdem sich Oskar aus seinem Bett erhoben und sein Gesicht gewaschen hatte. »Was glaubst du, warum die Ziege draußen, sie heißt übrigens Jennifer, oder Jenny, wenn sie dich lässt, und nicht Rosi!, wie du sie immer genannt hast, immer wegsieht, wenn du vorbei kommst? Sie musste sich jedesmal diese überirdischen Scheuklappen an deinen Ohren ansehen und konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Weil sie aber höflich ist, hat sie sich weggedreht.«
Seitdem sind einige Wochen vergangen, der Winter verabschiedete sich langsam und der Frühling kam auf. Oskar war nach seinem Traum plötzlich genesen. Der Traum war ihm eine Erleuchtung gewesen und gleich danach konnte er plötzlich mit allen Tieren sprechen. Es dauerte eine Zeit lang, bis er diesen neuen Umstand verdaute und nicht nur einmal fragte er sich ob er nun, nach fast einem Jahr völlig wahnsinnig geworden war, doch er nahm die Dinge wie sie waren. Das Leben schenkte ihm Freunde und er war froh darüber. Die Tage wurden also wärmer und Oskar konnte wieder länger draußen sein. Es war zwar nicht mehr so eintönig im Haus, da er sich ja mit Alfred unterhielt, der übrigens ein recht witziger Hund war, dennoch freuten sich beide, wieder mehr Zeit draußen verbringen zu können.
Eines schönen Tages machten die beiden einen Ausflug. Alfred wusste nicht, was Oskar vorhatte, aber er folgte ihm in Aussicht auf ein Abenteuer. Der Weg führte durch den Wald hinunter an den Stadtrand. Auf dem Weg, mitten im Wald, hörten sie plötzlich ein Rascheln im Gebüsch. Alfreds Nackenhaare stellen sich auf und Oskar wurde für einen Augenblick nervös. »Hey du Pisser!«, blökte die Ziege von hinten, »Wie kommst du auf die dämliche Idee, ohne uns zu gehen?!«. Alfred konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen, »Pisser….«, dachte er und lachte in Gedanken. »Aber echt! Wenn du dir deine zerbrechlichen Beine brichst, Mensch, glaubst du der Wauz schleift dich alleine wieder nach Hause?«, brüllte der Waschbär Konrad. Oskar musste auch lachen »Ja was! Willst du mich etwa tragen? Alles was du kannst, sind niedliche Purzelbäumchen.« Die Beiden kamen langsam heran und schlossen sich der Gruppe an. Oskar, Alfred, Jenny und Konrad machten sich auf den Weg in die Stadt.
»Was schleifst du da eigentlich in deinem Rucksack, den ganzen Weg mit dir?«, fragte Jenny. Oskar bemühte sich auf dem Weg nach unten, den Rucksack nicht allzu sehr durch zu schütteln »Eine schwere Last, soviel sei gesagt. Eine Überraschung.« Sie waren mittlerweile am Stadtrand angekommen. Dort hinten graste eine kleine Gruppe Rehe. Je mehr Zeit verging, desto mehr Wild sah man in den Städten. Sie waren recht neugierig. Die Tiere fanden es natürlich toll, dass die Menschen plötzlich alle weg waren. Ihre Ängstlichkeit ließ nach und sie wagten sich immer weiter in die Stadt. Oskar liebte es, ihre neu gewonnene Vertrautheit wie einen Luftballon platzen zu lassen. Sobald sie eine Gruppe von Wild fanden, schickte er seine Freunde vor, um sie in Sicherheit zu wiegen. Sie lenkten die Tiere mit einem Gespräch ab. Oskar, der mittlerweile gelernt hatte, sich leise zu bewegen, schlich sich an die Gruppe heran, holte Luft und brüllte so laut er konnte »Weidmannsheil!« Manchmal, wenn sie besonders schreckhafte Tiere fanden, fielen ein paar davon einfach um. Der Gesichtsausdruck, jetzt da Oskar die Mimik der Tiere verstand, war der feuchte Traum eines Clowns. Alle waren guter Dinge und es war warm und sonnig. Sie scherzten und genossen den Tag.
Die Gruppe kam an einen hohen, bedrohlich wirkenden Zaun. Dahinter befand sich die Militärkaserne. Man sah viele Fahnen im Wind, dunkelgrüne Fahrzeuge in verschiedensten Formen und zwei Panzer, die dort standen. Sie spazierten den Zaun entlang und das Glück war ihnen wohlgesonnen. Etwas, offenbar ein schwerer Sturm, hatte einen Baum auf den Zaun geworfen und ihn so weit beschädigt, dass die vier einen Weg in die Kaserne fanden. »Was wollen wir hier?«, fragte Konrad der Waschbär. Oskar sah ihm in die Augen, zog eine Augenbraue langsam nach oben, kniff die Augen zusammen und sagte »Schabernack!«
Sie brachen in ein Gebäude ein und wussten noch nicht was sie finden würden. Nach einiger Zeit des Stöberns fand Oskar einen Raum, dessen Tür mit einer Namensplakette versehen war. Oberst Sauprigl stand dort. Alfred begleitete ihn, die anderen waren irgendwo abgebogen. Er drehte sich zu Alfred und sagte grinsend »Wenn einer Müller heißt, dann weiß man ja, dass einer seiner Ahnen mal ein Müller war, aber wenn einer Sauprigl heißt…« Er öffnete die Tür, sie war nicht verschlossen. Drinnen war das Zimmer des Oberst noch immer in penibelster Ordnung. Es gab eine detaillierte Einsicht in seine Persönlichkeit. Verschiedene Paar Schuhe standen an der Wand, allesamt gewichst und ordnungsgemäß in drei Zentimetern Abstand nebeneinander. Wäre nicht die dünne Staubschicht, man könnte meinen, er habe sie heute morgen wichsen lassen. Daneben befand sich ein Kleiderschrank. Oskar ging hin und öffnete ihn. Er fand eine Uniform. Kurzerhand zog er sich um. »Wie sehe ich aus?«, fragte er Alfred. »Man könnte ehrfürchtig werden, stünde da nicht Sauprigl auf deiner Brust«, gab Alfred zurück und musste lachen. Hinter dem Schreibtisch stand der Waffenschrank des Oberst. Unverschlossen. Oberst Sauprigl war sehr überzeugt von seiner Autorität. Ein Glück für Oskar. Drinnen fand er Munition und ein Gewehr. Außerdem eine Handfeuerwaffe und einige Ausgaben der Neuen Post. Oskar nahm ein Magazin in die Hand und blätterte es mit einem Kopfschütteln durch. Er musste schmunzeln. Als er es zurücklegte, sah er darunter ein Heft mit der Aufschrift: Praline — weiße Schrift auf rotem Grund und eine spärlich bekleidete junge Frau am Cover. Er nahm das Heft und zeigte es Alfred ohne Worte. Beide mussten lachen. Oskar legte die Hefte zurück und nahm Gewehr und Munition. »Komm, wir haben zu tun«, sagte er und verließ das Zimmer des Oberst. Draußen ging er mit Alfred zum Panzer, der dort am Paradeplatz stand und stellte seinen Rucksack ab. Konrad und Jenny kamen ebenso aus dem Gebäude heraus. Konrad trug eine alte Schirmmütze mit goldenen Verzierungen. Er ritt auf Jenny. Sie marschierte in gemäßigtem Schritt heran. Konrad imitierte eine Fanfare. Die beiden hatten Spaß.
»Was hast du denn vor?«, fragte Jenny, als sie sich näherten. »Psychotherapie«, sagte Oskar. Er holte eine Menge leerer Weinflaschen aus dem Rucksack hervor und stellte sie auf den Panzer, sodass sie gut standen. Alle gingen ein Stück zurück und Oskar lud das Gewehr. Er zielte und schoss — daneben. Der nächste Schuss traf und die Flasche zerbarst in tausend Teile. Oskar fühlte sich schon besser. Nächster Schuss — getroffen. »Da löst sich richtig was in einem«, sagte er. Dann wollte er die Waffe weitergeben, auch die anderen sollten Spaß haben, als ihm auffiel, dass Alfred und Jenny keine Daumen hatten. Er sah Konrad an. »Willst du auch mal?«, fragte er ihn. »Her damit«, sagte Konrad. Er sah mit seiner Schirmmütze aus, als wüsste er genau was er tat. Oskar lud das Gewehr und gab es Konrad. Er versuchte das Gewehr, so gut es seine kleinen Waschbärhändchen zuließen, zu fassen. Konrad kniff ein Auge zu und zielte auf die Falsche. Seine Zunge ragte dabei aus seinem Mund. Er drückte ab. Ein lauter Knall — wie in einem Comic, blieb seine Schirmmütze in der Luft stehen und Konrad flog zwei Meter nach hinten — und die Flasche zersplitterte. Es war still am Paradeplatz. Alle Augen waren auf Konrad gerichtet, er lag am Rücken am Boden. Langsam hob sich sein Kopf. Er schüttelte sich, stand auf und klopfte sich sein Fell aus. Alle jubelten und die letzte Flasche war zerschossen. »Das hat Spaß gemacht«, sagte er.