Die Sache mit dem Vogel
Es war Samstag. Der Vater nahm den Jungen mit zum Schlosser. Sie hatten einen Auftrag für ihn. Der Junge kannte den Schlosser noch nicht, würde ihn aber von heute an im Gedächtnis behalten.
Es war gleich das Erste, was an diesem Morgen geschehen sollte – die Beiden fuhren in den Nachbarort. Der Regen hatte sich verzogen, doch spiegelte sich das Scheinwerferlicht der Autos noch in den nassen Straßen und der Nebel lag auf den Feldern. Das nasskalte Wetter und die Pflicht, dem Vater bei der Arbeit zu helfen, ließen den Jungen, wie es zuletzt öfter der Fall gewesen war, in einem freudlosen Zustand zurück. Seine Bewegungen erinnerten eher an einen gleichmäßigen Trott. Es dauerte darum auch, bis er sich aus dem Auto heraus in die Schlosserei bewegt hatte. Das Gebäude war ein altes, in seinen Augen hässliches, keines, in dem er lange bleiben mochte. Er hatte nicht das Gefühl, hier willkommen zu sein oder hierher zu gehören. Es hatte eine Fassade aus Waschbetonplatten und im oberen Drittel der Ostseite, in der Fassade, eine Reihe von vertikal angeordneten Gläsern, wie sie oft bei solch alten Firmengebäuden zu sehen sind. Auf dieser Seite befand sich auch der Eingang in die Schlosserei. Die Tür war in einen rostroten Rahmen eingehängt und rundherum sah man Stellagen mit allerlei Schlossereimaterialien; Stahlplatten lehnten an der Mauer, Rundstähle lagen nach Durchmesser geordnet in der Stellage und Formrohre verschiedenster Größen lagen ebenso dort. Die Stellagen waren überdacht, dennoch vermochte es der nasskalte Nebel hier und da Schlieren von Rost auf dem Material zu hinterlassen, was der Szenerie einen schäbigen Geschmack gab. Der Junge betrat die Werkstatt und hatte auch im Inneren zu keiner Zeit das Gefühl willkommen zu sein. Das Gebäude bestand aus zwei geteilten Hallen, gefüllt mit all den groben Maschinen, die eine Schlosserei früher besitzen musste. Modernisiert wurde hier nicht. Die Halle, zumindest die erste – die andere konnte er nur von weitem sehen – war hoch, hatte aber nur eine kleine Grundfläche, die Maschinen standen also eng aneinander und machten, wenn sie erstmal zu arbeiten hatten, laute Geräusche. Es war ordentlich im Inneren. Der Boden wurde scheinbar täglich vom Metallstaub gesäubert, dennoch gab es, durch die Maschinen und die dadurch entstandenen Ecken und Zwischenräume, viele Orte, an denen der Schmutz liegen blieb. Auch oben an den Fensterscheiben – sie waren trüb und hatten eine unebene Kristallstruktur – blieb der Staub liegen und nahm dem Raum Tag für Tag immer mehr Licht. Die Wände aus grauem, kalten Beton waren von den vielen Jahrzehnten der Metallarbeit bereits schwärzlich geworden und an der Decke zwischen den Sparren sah man noch die grüne Isolierwolle, augenscheinlich ein Provisorium. Die Enge, das fehlende Licht und der Eindruck, nicht willkommen zu sein, ließen in dem Jungen eine Bedrücktheit aufkommen, die er aber versteckte.
Der Schlosser erschien und nahm den Auftrag entgegen. Er war ein zurückhaltender und scheuer Mensch, sprach nicht viel und bewegte sich langsam. Er schien bei jedem Schritt ängstlich zu sein. Obwohl er aufrecht ging, glaubte man, ihm eine buckelige Haltung anzusehen. Seine Haare waren kurz, sodass man die vom Metallstaub geschwärzte Kopfhaut sehen konnte. Auch die Arbeitskleidung und sein Gesicht waren dreckig. Der Mann konnte nicht mehr nach außen hin wirken, nichts mehr ausstrahlen, man konnte nur von außen zu ihm hin wirken, er schien ein Loch zu sein. Der Junge sah die Hoffnungslosigkeit dieses Mannes, meinte fast zu spüren, wie diese Hallen einem das Leben aussaugen. Er sah so etwas zum ersten Mal und war verstört, sagte aber nichts. Der Vater kannte den Mann, doch auch ihm gegenüber veränderte sich dessen trostloses Gebaren nicht. Der Vater konnte solchen aufdringlich-bemitleidenswerten Eindrücken schon immer mit Witz begegnen, dem Jungen war als sei er immun dagegen.
Es mussten zwölf Stahlplatten gekantet werden. Der Vater und der Schlossermeister begannen mit der Arbeit. Dem Jungen war es unerträglich, tatenlos zu warten – er könnte einem der Arbeiter, die in gebückter Haltung zwischen den Maschinen umherschlichen, im Weg stehen –, also begann er, so gut der Schlossermeister es zuließ, zu helfen. Die Stahlplatten mussten auf eine Führung gelegt werden, an deren Ende ein metallener Keil hydraulisch nieder fährt, um die Platte um neunzig Grad zu kanten. Jeder Arbeitsschritt geschah sehr langsam und bedacht: zuerst wurde die Stahlplatte von draußen geholt (sie war bereits zuvor zugeschnitten worden), zu zweit hob man sie auf die Führung und schob sie bis zum Anschlag in die Maschine, der Anschlag musste zuvor auf die passende Breite eingestellt werden. Nun mussten alle Hände von der Platte und dem Gerät lassen (der Schlossermeister versicherte sich zweimal, dass auch niemand zu nahe dabei stand), woraufhin per Knopfdruck der Metallkeil nieder fuhr und eine neunzig Grad Kante in der Platte hinterließ. Sie wurde aufgestellt, um sie unter dem Keil hervorzuholen und hinaus in den Transporter gebracht. Während den immer gleichen Arbeitsschritten fiel der Blick des Jungen auf die entstellte linke Hand des Schlossermeisters. Die Hand war zart und unpassend für diese Umgebung. Sie funktionierte, doch die Anordnung der Finger ließ ihn erschrecken. Der Mann musste vor langer Zeit einen Unfall erlitten haben. Die Finger standen in unnatürlichen Winkeln von der Hand ab. Der Anblick erweckte den Eindruck eines knorrigen, alten Baumes, dessen Rinde bereits dunkel ist. Gemeinsam mit der bedrückenden Gesprächslosigkeit dieses Ortes – der Vater und der Junge sprachen ohnehin nicht viel und auch die Anderen in der Halle gingen stumm ihrer Arbeit nach –, hatte dieser Eindruck etwas Bizarres, Alptraumhaftes und beschäftigte den Jungen, er sagte aber nichts. Nachdem zwölf Metallplatten fertig bearbeitet und verladen waren, wurde der Schlossermeister bezahlt. Ohne viele Worte wechselten einige Geldscheine den Besitzer. Der Ausdruck dieses trostlosen Mannes veränderte sich auch nach getaner Arbeit nicht. Nichts schien ihn zu erhellen, er war ein schwarzes Loch, das nichts zu geben hatte. Damit war die Sache beendet. Vater und Junge gingen zurück zum Transporter und fuhren wieder nach Hause.
Während der Fahrt fragte der Junge den Vater, ob er wisse, was mit der Hand des Schlossermeisters geschehen war.
Als der Mann noch ein Jugendlicher war, war es ihm zuwider, in das Schlossergewerbe, den Familienbetrieb, einzutreten. Sein Wunsch war es, Zuckerbäcker zu werden. Für die harte Arbeit in der kalten Werkstatt, war er nicht geeignet. Da sein Vater ihn aber mehrfach dazu drängte, blieb dem unglücklichen Jungen nichts anderes übrig, als der Tradition zu folgen und den Weg des Vaters und Großvaters einzuschlagen. Er war jedoch von der Art Mensch, die sich nicht an eine ihr so fremde Sache gewöhnen konnte. Nach zwei, drei Jahren der Arbeit in der Schlosserei konnte er keine Willenskraft mehr aufbringen, sich nach dem Vater und der Tradition zu verbiegen. Er sah keinen anderen Ausweg aus der Situation, als sich selbst zu verletzen, mit der Hoffnung, durch ein kleines Leid, dem größeren Leid zu entkommen. Der Jugendliche, damals noch in Ausbildung, steckte seine Hand in eine Metallpresse und ließ die Presse eigenhändig nieder fahren, um sich die vier Finger seiner linken Hand abzutrennen. Er tat dies in der Hoffnung, seinem Schicksal zu entkommen. Die Ärzte aber vermochten es, da die Presse die Finger mit einem sauberen Schnitt von der Hand trennte, das Unglück wieder zu korrigieren…
So erzählte der Vater dem Jungen die Geschichte während der Fahrt nach Hause. Danach war es still im Auto. Der Junge empfand tiefes Mitleid für den Mann. Er war von dem Unglück berührt und seine Gedanken blieben stumm. Das Erlebnis grub sich in seine Erinnerung, es brannte sich auf immer ein. Ihm war nach Tränen zu mute, doch er weinte nicht. An diesem Tag hatte der Junge einen lebenden Toten gesehen.
Es war Sonntag. An Sonntagen ist der Junge mit der Mutter alleine. Der Vater trifft sich, nach den Pflichten des Tages – die Stallarbeit nämlich, gehört alleine ihm – , mit Freunden beim Wirt zum Kartenspielen. So beginnt ein Sonntag meist früh, aber doch nicht zu früh, mit einem zweisamen stillen Frühstück für die Beiden.
Die Mutter war früher aufgestanden, sie stand immer früher auf – es war für den Jungen rätselhaft, weshalb selbst an Sonntagen, alle früh aufstehen mussten. Am Tisch stand ein Gedeck, frische Semmeln, Brot, Butter und verschiedene selbstgemachte Marmeladen. Die Mutter hatte bereits gegessen. Sie saß mit der Zeitung am Tisch und las. Sonntage waren ein Glücksspiel für den Jungen. Manchmal wurde er zu Verwandtenbesuchen gezwungen, manchmal kamen Verwandte oder Freunde der Eltern zu Besuch und manchmal gab es keine Pläne. Keine Pläne waren ihm am Liebsten, denn er war schüchtern und nicht redselig, er suchte zumeist das Alleinsein. Der Junge setzte sich zum Tisch, bedankte sich für das Frühstück und begann, noch verschlafen, zu essen. Die Mutter war eigentlich immer die Erste, die das Wort ergriff und scheinbar mitten im Artikel zu lesen aufhörte, um eine Frage zu stellen. Die Beiden sprachen über Alles und Nichts, Pläne für den Tag und auch allerlei Befindlichkeiten. Der Junge sprach von Anfang an, doch bis er etwas sagte, brauchte es Zeit, er musste das Vertrauen jeden Tag wiederfinden, doch das fiel ihm nicht auf. Es war etwas Natürliches und auch Pflichtbewusstes in dieser Sonntagmorgen-Zweisamkeit, das er nicht verstand, worüber er aber auch nicht nachdachte. Mitten im Satz stand die Mutter auf, räumte die halb gelesene Zeitung in den Schrank zu den Anderen, ging in die Küche und begann Töpfe und Pfannen hervorzuholen. Es war schon zehn Uhr geworden und der Junge beobachtete die Mutter in ihrem Sonntagstanz. Das Gespräch verebbte darum nicht, beide mussten nur lauter sprechen, da die Küche zwar offen mit dem Esszimmer verbunden war, aber nun doch eine Entfernung zwischen ihnen war. Es war Zeit, das Mittagessen vorzubereiten. Der Vater aß beim Wirt, für ihn musste lediglich Abendessen bereitstehen. Das Mittagessen war für die Beiden gedacht und für alle, die noch kommen mochten. Sie zeigte nichts davon, ob sie kochen wollte oder nicht, es war wie eine Mechanik, ganz natürlich ineinander greifende Zahnräder, die die Uhr zum Ticken brachten. Sie sprachen weiter über Alles und Nichts, bis das Mittagessen fertig war. Nach dem Essen räumte der Junge den Tisch ab – aus Höflichkeit und Schuld –, bedankte sich bei der Mutter und lobte das Essen – es war wie eine Mechanik, auch wenn es stimmte. Nach dem Mittagessen, brachte der Junge der Mutter einen Kaffee und es war für kurze Zeit still.
Nach der Mittagspause wurde das Bügelbrett aufgebaut. Die trockene Wäsche, die bereits vor dem Frühstück aus der Waschmaschine kam und aufgehängt wurde, musste gebügelt werden. Wieder war der Mutter nicht der Hauch eines Wunsches anzusehen, es war wie obligatorisch. Das Bügelbrett gehörte so sehr zur Normalität, dass es dem Jungen beinahe nicht auffiel, als er daran vorbei nach draußen ging. Draußen spielte der Junge vergnügt mit dem Hund. Er warf einen Ball und der Hund brachte ihn so überwältigend euphorisch zurück, dass ihm nichts anderes als Freude übrig blieb. Nach einiger Zeit des Spiels und der Rangeleien mit dem Hund – er reichte dem Jungen bis zur Hüfte –, kam die Nachbarsfrau zu Besuch. Eine Freundin der Mutter, jünger und mit zwei Kindern, sie war alleinerziehend und hatte mit dem Leben zu kämpfen. Ihr Mann starb durch einen Autounfall und sie blieb mit den Kindern alleine zurück. Sie besuchte die Mutter oft und sprach mit ihr über Alles und Nichts. Man hörte bereits die Kaffeemaschine, wie sie die Leitungen spülte, noch bevor die Freundin aus dem Auto ausgestiegen war. Der Junge grüßte sie und die beiden tauschten Höflichkeiten aus. Die Kinder konnten gerade erst selbstständig gehen, sie erwiderten daher nur das Händewedeln des Jungen.
Betrat man jetzt das Haus, hörte man die zwei Kinder spielend schreien, Dinge wurden hin und her geworfen, manchmal fiel etwas zu Boden, das Radio lief und die Mutter unterhielt sich mit ihrer Freundin. Es war laut und lebhaft. Der Junge betrat das Haus, um sich etwas zu trinken zu holen. Immer fühlte er sich als Außenstehender in diesem lebhaften Allerlei, als Beobachter von außen, der nur zusieht. Es störte ihn nicht, nicht Teil davon zu sein. Er sah etwas Natürliches und Pflichtbewusstes in der Mutter und eine Frage kam ihm in den Sinn. Er wusste sie nur nicht auszusprechen. Es war auch nicht der Ort und die Zeit für Fragen, darum sagte er nichts.
Nachdem er ausgetrunken hatte, ging er wieder hinaus, rief den Hund herbei und machte sich auf in den nahegelegenen Wald. Einmal hatte der Junge vom Vater als Geschenk, weil er Schwerter mochte, eine kleine Machete geschenkt bekommen. Nichts Gefährliches, doch über das Geschenk freute er sich. Diese Machete nahm er mit in den Wald. Dort lagen noch einige gefällte Bäume kreuz und quer am Boden, bis jetzt fand noch niemand Zeit, sie aufzuarbeiten. Gedankenverloren und ohne Ziel streifte der Junge durch den Wald und schlug mit der Machete im Vorbeigehen auf die abstehende Äste der liegenden Bäume ein. Der Hund wartete geduldig in sicherem Abstand bis der Junge fertig war, er war überhaupt ein freundlicher und folgsamer Hund, ein Freund ohne viele Worte. Für den Jungen war es wie ein Handel; sein Freund und Begleiter wartete, bis er fertig war, dafür gestattete der Junge dem Hund die nächsten fünf Minuten freien Auslauf, wohin auch immer er wollte. Die einzige Bedingung war, dass der Blickkontakt nicht verloren gehen durfte. Oft verschwand der Hund dennoch aus dem Blickfeld des Jungen, solange er ihn aber noch hören konnte, erlaubte er ihm diese Grenzüberschreitung. Manchmal geschah es, dass der Hund zu weit rannte, einem Reh hinterher oder einem Hasen. Schon in der ersten Bewegung des Hundes konnte man erkennen – oder besser, im Rascheln des Laubs unter seinen Pfoten hören –, dass er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dass er nicht mehr zu bremsen war. Dann wurde der Junge zornig und legte diesen Zorn in seine Stimme. Er brüllte nach dem Hund und verharrte still, die Ohren nach allen Richtung offen, bis der Hund langsam angetrabt kam. Es folgte ein klärendes Gespräch zwischen dem Jungen und dem Hund – es gab diese Gespräche oft, sie waren nötig, doch sie nützten nie. Die Beiden drehten um und spazierten wieder zurück. Die Strenge verhallte im Wald und beide kamen, wie immer, als Freunde wieder nach Hause.
Es war Nachmittag geworden und die Freundin der Mutter war bereits wieder weg. Im Wohnzimmer stand noch das Bügelbrett, auf dem sich die Stapel verschiedenster, säuberlich gefalteter Kleider aneinander reihten – das Bügeln verstand der Junge auch nicht recht, die Kleider wurden ja doch beim Tragen wieder faltig. Der Gesichtsausdruck der Mutter war zufrieden, aber mechanisch zufrieden, und erschöpft. In der Bewegung zur Couch, schien dem Jungen, sie sei angespannt, auch in der Stimme klang diese Anspannung in leichten Luftstößen mit, bis sie sich setzte und ausatmete. Der Tag schien vorbei zu sein. Die Beiden sprachen noch ein wenig miteinander, sagten aber nicht viel.
Es war ein Werktag. Der Junge kam am frühen Nachmittag von der Schule nach Hause. Ein warmes Essen wartete bereits auf ihn. Die Mutter wusste, zu welchen Zeiten der Schulbus fuhr und damit, zu welchen Zeiten der Junge immer zu Hause ankam. Sie wusste überhaupt immer alle diese Details, als wäre es das Natürlichste, über all diese Dinge Bescheid zu wissen. Die Mittagszeit war schon vorbei, darum aß der Junge alleine. Die Mutter setzte sich mit einem Kaffee zu ihm, schlug ihre Zeitung auf und stellte Fragen: Wie es in der Schule war? Ob alles in Ordnung sei? Was der restliche Tag noch bringen würde? Sie sprachen ein wenig miteinander, sagten aber beide nicht viel.
Jeden Tag brachte der Junge Schulaufgaben mit, die er zu Hause zu erledigen hatte und jeden Tag quälten ihn diese Aufgaben. Einerseits war er pflichtbewusst, andererseits war es ihm ein Gräuel, sich auch nach der Schule mit der Schule zu beschäftigen. Dieser Umstand beschwor naturgemäß eine Last auf den Jungen herab, mit der er den Tag zu verbringen hatte. Es gab Tage, an denen mühte er sich ab, auch nach der Schule bei Tisch zu sitzen und Rechenaufgaben zu lösen, und es gab Tage, an denen wurde an kreativen Erklärungen gefeilt, weshalb er die Aufgaben nicht habe machen können. Jedenfalls musste daran gedacht werden. Die Aufgaben zu ignorieren und abzuwarten was daraus erwüchse, war eine Unmöglichkeit. Oft war schon der Gedanke an die Aufgaben so mühevoll zu ertragen, dass er gleich gar nicht damit begann und sich andere Beschäftigungen suchte – er würde die Aufgaben sicherlich nachreichen, zu Hause war zu viel zu tun, es war keine Zeit dafür.
So ging er hinaus ins Freie und schlenderte ums Haus. Der Hund stand sofort von seinem Platz auf und begleitete den Jungen, das tat er immer, nie war er zu träge dafür, nie schlief er weiter, wenn er stattdessen dabei sein konnte. Er lief euphorisch umher, mal nach vorne, mal nach hinten und erwartete ein Spiel. Das Nächstbeste, das der Junge am Boden fand – einen Tennisball – nahm er in die Hand, wedelte damit dem Hund vor der Nase und warf ihn schließlich weit über das Grundstück in Richtung Acker. Der Ball flog an einer Hütte vorbei und kam unweit dahinter zum Liegen. Die Hütte diente als Unterstand für den Traktor und als Lagerplatz für die Strohballen. Sie war aus Holzbrettern gezimmert und der Wind pfiff stetig hindurch. Viele Schwalben hatten hier ihre Nester. Der Hund hetzte dem Ball hinterher, energisch sprang er den letzten Meter auf den liegenden Ball zu, als müsste er sichergehen, dass er ihm nicht entwische. Sein Schwanz wedelte so schnell er konnte von links nach rechts. Der Hund war bereits auf dem Rückweg zum Jungen an der Hütte vorbei, als er plötzlich innehielt und in statuenhafte Bewegungslosigkeit verfiel. Den Ball ließ er sofort fallen, etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Während der Junge näher kam, schnüffelte der Hund an einem jungen Vogel, der aus dem Nest gefallen war. Er war schon bereit ihn zu fressen, nur ein Befehl des Jungen ließ ihn davor zurückschrecken, also wartete er geduldig neben der kleinen, reglosen Schwalbe. Der Junge trat heran und blickte mitleidig auf das kleine Geschöpf, ihm wurde das Herz schwer, als er zu ahnen begann, was nun folgen musste.
… Wo ist die Schwalbenmutter? Will sie nicht zu ihrem Nachwuchs? Der Junge blickte umher und fand nirgends was er suchte. Nirgends sah er die Schwalbenmutter, er hörte auch kein Zwitschern, kein Geräusch. Anscheinend war das Schwalbenjunge bereits für verloren befunden worden, es zog dem Jungen das Herz zusammen. Er nahm den kleinen Vogel in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. Er hat Angst. Die Augen sind so groß und schwarz und er selbst ist so klein und zerbrechlich. Er blinzelt nicht. Leidet er? Er tut nichts, vielleicht ein Schock? Bewegt er sich, wenn ich ihn hinlege? Nein. Ich glaube er kann nicht mehr, wahrscheinlich hat er sich etwas gebrochen. Er nahm ihn wieder in die Hand, möglichst vorsichtig, um Schmerzen zu vermeiden. Tote Vögel waren am Bauernhof kein seltener Anblick. Regelmäßig flogen sie gegen Fensterscheiben und brachen sich dabei das Genick. Man sah sie oft am Boden liegen, bereits in Totenstarre, ließ sie aber dort, da sich ohnehin die Katzen darum kümmerten. Oft waren die Vogelleichen schon am nächsten Tag wieder weg. Dieses Mal jedoch war es anders, der kleine Vogel lebte noch und hatte Angst, so kam es dem Jungen jedenfalls vor. Eine Last wiegte auf einmal schwer auf ihm. Der Vater ist nicht zu Hause und selbst wenn, was würde er schon tun… was helfen würde? Nein. Die Mama würde helfen, sie würde eine Schachtel basteln und den Kleinen füttern. Wozu ihn länger leiden lassen?… Nein. Die Mama würde das Falsche tun. Der arme Vogel. Er wird sterben. Der Junge wurde mit jedem Herzschlag rastloser, je länger er dort stand und das Unvermeidbare zu vermeiden suchte. Wir schläfern Hunde ein, wenn sie krank sind, auch Katzen. Wenn ein Reh angefahren wird, kommt auch der Jäger und erschießt es. Wir töten Schweine und essen sie. …begann der Junge sich zu verteidigen, es ist gut, dass der Jäger kommt und das Reh tötet. Leiden ist schlecht. Wie soll ich ihm helfen? Sie lachen mich aus. Kein Arzt hilft dem Vogel, er ist einfach zu wenig… und über mich lachen sie. Was sagt denn dann der Papa? Nein. Ich sag’ gar nichts davon. Das Herz des Jungen raste, als er sich langsam umdrehte. Es klang heiser und zornig, als er den Hund fortschickte. Bis jetzt saß der Hund noch vor ihm und blickte neugierig auf die Hand, die den Vogel hielt, nun aber ließ er die Ohren hängen und senkte den Kopf. Der Hund wartete noch kurz auf die Wiederholung des Befehls, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass er nichts falsch verstanden hatte. Es schmerzte den Jungen jetzt gerade umso mehr, so streng, so grundlos kalt mit dem Hund zu sein. Er wiederholte den Befehl mit einem Zittern in der Stimme und der Hund gehorchte. Er trabte langsam zu seinem Platz zurück. Der Junge hielt den Vogel so sanft er konnte in der Hand, sein Herz wollte nicht aufhören zu rasen. Er dachte dabei an den Vater – er wollte, er wäre immun gegen diesen bemitleidenswerten kleinen Vogel. Der Junge ging langsam zum Schuppen und wiederholte seine Verteidigung. Ich könnte ihn liegen lassen, die Katzen… Nein! Das wäre nicht richtig. Leiden ist immer schlechter und die Katze ist brutal. Nein, der arme Vogel. Es muss schnell gehen, das wäre das Beste. Das Beste für uns Beide, ja. Das Herz pochte ihm so stark, er fühlte es bis in den Magen hinein, es war wie Übelkeit und jeder Herzschlag provozierte die Übelkeit weiter. Er sieht mich. Er sieht alles, was ich tue. Er muss sehen, dass ich etwas Gutes tue… Leiden ist schlecht. Es ist viel besser so. Ich werde dich töten, alles Andere wäre unrecht. Sie würden es mir zur Last legen. Ja, es muss sein. Ich will nicht. Alles andere wäre unrecht. Ich muss es tun. Im Schuppen angekommen, sah er sich um. Es war zwar hellichter Tag, doch drinnen war es dunkel und man sah den Staub, wie er in den Lichtstrahlen wirbelte, die durch die Löcher und Spalten der Wände schienen. Dort stand ein Hackstock mit vielen Kerben von den unzähligen Hieben der Hacke, die Oberseite war uneben, man musste die Holzscheite immer mit Bedacht hinstellen, um kein Verkeilen oder Abrutschen zu riskieren. Daneben lehnte eine kleine Hacke…
In seinen Armen fühlte der Junge ein lähmendes Gefühl, eine Schwere, die vom Herz ausging. Als zöge das Herz die Kraft aus seinen Gliedmaßen, je näher der Moment käme. Er legte den Vogel behutsam mit der rechten in die linke Hand, damit er die Hacke fassen konnte. Mit Vorsicht, wie wenn einer Spandln aus einem Stück Holz macht, legte er den kleinen Vogel auf den Hackstock, ließ ihn dabei nicht los und versuchte mit der Hacke den richtigen Winkel zu finden. Er holte aus und holte noch weiter aus, war unsicher, war gelähmt und befahl sich selbst… zu tun. Er konnte nicht. Es war ihm übel, das Herz raste. Ein letzter Ruck des Willens und die Hacke fuhr nieder und verwundete den Vogel – noch lebte er. Der Magen des Jungen zog sich zusammen und verkrampfte, er bekam Panik, wie Nadelstiche im Kopf. Es schwindelte ihn… Alles war schief gegangen, er dachte nicht und zitterte. Der Vogel blinzelte noch immer nicht, seine Augen waren rund und schwarz. Der Junge glaubte, eine Verurteilung, einen Schuldspruch in den Augen des Vogels zu erkennen. So schnell er konnte, handelte er; hob die Hacke erneut, zielte und zitterte und hackte ein zweites Mal auf den Vogel ein. Der Vogel starb.