Libro Cavaliere


Die letzten Konsumenten #1

Es ist 7:22 Uhr im Winter. Die Nacht weicht gemächlich und ich beginne meinen Tag in ähnlicher Weise. Draußen ist es einschläfernd bläulich und der Reif liegt auf der Wiese. Eine Kerze brennt, um die Stimmung nicht zu irritieren, denn das Küchenlicht ist zu hell, es ist ein Arbeitslicht, kein Licht für solche besonderen Minuten. In mir ist es ebenso dämmrig wie draußen. Meine Gedanken, meine Wahrnehmung der Welt, scheinen wie von weit her, langsam zu mir zu kommen.  Es ist andächtig, so früh am Morgen. Das Radio begleitet mich, während ich zunehmend wacher werde. Nur der Winter gibt solche bedächtigen Mischzustände zwischen Schlaf- und Wachsein. Mir gefällt immer jede Jahreszeit, wenn sie gerade stattfindet. Jetzt gefällt mir die Ruhe, die mir der Winter gibt. Jetzt ist die Zeit, in sich zu gehen und nachzudenken. Der Wintertag zwingt mich nicht, ihn zu nutzen, er lässt es mir frei.

Plötzlich beginnt ein Werbeblocker im Radio. Zuletzt habe ich es mir angewöhnt, das Radio in solchen Fällen auszuschalten. Oft vergesse ich auch wieder, es einzuschalten – aber sei’s drum. Extra dafür hat mein Radio eine Fernbedienung, die immer möglichst in meiner Nähe liegt, um mich dieser Farce nicht länger als unvermeidbar auszusetzen. Nichts anderes in dieser Welt vermag es, so schnell Wut und Terror in mir hervorzurufen, als Werbung für Konsumgüter. Im Winter, wenn die Außenwelt einem Ruhe und Besinnlichkeit bietet, wird selbst daraus noch versucht, etwas Progressives zu machen. Mehr Ruhe, mehr Besinnlichkeit, optimierte Nutzung der Besinnlichkeit, Vorgaben zu Besinnlichkeit, ein Produkt für dieses, ein anderes Produkt für jenes, natürlich gerade rabattiert. – Ja, ich weiß! Immer wieder dieselbe öde Kritik. Doch hört mich: Kein Tag ist vergebens, an dem jemand dieses Monster zu erschlagen sucht. Jeder Versuch zählt!

So beginne ich am ganzen Körper zu zittern, in mir rumort es, meine Augen bekommen einen fiebrigen Glanz, immer schneller und unruhiger werde ich. Der erste Konzern vergiftet meinen Geist mit seiner scheiß Werbung. – In die intimsten Bereiche dringen sie ein, diese, diese Welt-Verderber, diese verlogenen, gierigen Ausgeburten aller Schlecht-Heit ohne Inhalt. Etwas entsteht in mir, beginnt sich zu nähren an dem Hass, wird kraftvoll und schrecklich. Mehr verlangt es, es will die Schlecht-Heit dieser Welt schmecken, will sie auffressen, in seinen Schlund zerren und nie wieder hervor lassen. Ich beginne mit einer Frequenz zu zittern, dass es zu hören ist. Den Raum um mich durchzuckt ein schrilles Klirren, alles flimmert und dreht sich.

Zellteilung. 

Das Klirren ist vorüber, der Vorgang dauerte nur Sekunden. Der erste Konzern beendet seine Ansprache mit der vierten Wiederholung seiner Rabattangebote und ich sitze meinem Spiegelbild gegenüber. Wir blicken uns irritiert an. Mir kommt eine dieser Slapstick Szenen in den Kopf, in der zwei sehr ähnlich aussehende Menschen sich jeweils für ihr Spiegelbild halten und führe meine rechte Hand langsam an meinen Kopf. Mein Gegenüber sieht mich verwirrt an – kein Spiegel also. Eine Ausgeburt all meines Hasses – wie soll es anders sein? So sitzen wir beide hier in dieser heimeligen Stimmung, während es draußen langsam hell wird und lauschen dem unnatürlichen Übergang des einen Werbejingles zum anderen. – Es muss eine erlernte Abgestumpftheit sein, die uns Menschen solchen Wahn ertragen lässt, eine justierbare Ignoranz, wie anders kann ein Mensch das noch ertragen. Beide beginnen wir nun unwillkürlich zu zittern. Unsere fiebrigen Blicke treffen einander und alles verzerrt sich. Ein schrilles Klirren in ohrenbetäubender Disharmonie lässt nun auch den Boden zittern. 

Zellteilung. 

Wir sind zu viert. Von weit her beginne ich, eine schicksalhafte Bestimmung zu ahnen. Die Gesichter meiner Ichs sind vom selben Ausdruck gezeichnet. Uns wird gewahr, wir sind die Inquisitoren einer heiligen Pflicht. Werbung für einen chinesischen Automobilkonzern lässt uns erzittern. Kein Ende ist absehbar. Ein Beben und Klirren, draußen schmilzt der Reif von den Gräsern. Eine Druckwelle breitet sich vom Epizentrum kugelförmig aus und scheucht alles Getier im Umkreis auf.

Zellteilung. 

Wir sind zu acht. – Diese Systeme sind dazu entworfen, sich selbst zu zerstören, so haben es schon ihre Architekten niedergeschrieben. Nur konnte niemand ahnen, wie vernichtend dieses Ende sein wird. 

Es folgen weitere sieben Werbespots. Der Raum selbst verformt sich und flimmert hochfrequent. Schwingungen wie Schreie erfüllen den Äther. So erhebt sich zum Abschluss die Ökonomie zu einem Naturgesetz. Entstellt, wie einer dem Wahn verfallenen Fratze gleich, zerrt sie an den Grundfesten der Realität. Eine Armee tausend hasserfüllter Ichs steht bereit, gegen die Zentren der Konsumpropaganda anzugehen. 

So beginnt der Marsch der letzten Konsumenten. 

Tief im ruralen Gebiet des Landes setzt sich das Heer der letzten Konsumenten in Bewegung. Es wirkt als zerre eine Kraft an Ihnen, etwas lenkt ihren inneren Kompass, in Richtung Zentrum und Zivilisation. Nur mehr Wahn und Verzückung ist in ihren Gesichtern zu sehen, jegliche Klarheit verflüchtigt. Dörfer und Siedlungen liegen auf dem Weg ins Zentrum des Landes. Wie eine Walze rollt das Heer darüber. Häuser werden aufgebrochen und gestürmt, alles an Plastikinventar, von Tupper-Ware bis zu Trainingshosen, wird geplündert, Elektronikgeräte werden wahllos durch Fensterscheiben geworfen und zertrümmert, Autos werden umgeworfen, Scheiben eingetreten, Briefkästen zerschlagen. Es wird geraubt und zerstört, wo man auch hinsieht. Staubsaugerrohre und Selfie-Sticks tanzen in flüssiges, brennendes Plastik gehüllt durch die Luft. Ein Meer aus giftig-rauchenden Fackeln wird zum Auftakt des großen Kataklysmus unserer Zeit. 

Ein Schweif aus Asche und brennenden Reklametafeln markiert den Marsch der letzten Konsumenten in das Vorstadtgebiet. – Industriezonen sind die übelsten Ausgeburten dieser Epoche, eine lähmende Schwere liegt auf ihnen. Ein Arrangement aus Abgasen, künstlichen Gerüchen, Müll, Beton, grellen, aufregenden Farben, vereinnahmenden Bildern, leeren Gesichtern und getriebenen Menschen zerrt am universellen Lebenswillen. – Ein Meisterwerk der Belanglosigkeit und Schlecht-Heit. Die Erde bebt, als sich das Heer, eingehüllt in schwarzem, giftigen Rauch und von Plastik lodernden Flammen umgeben, dem ersten Möbelhaus nähert. Am Parkplatz angekommen, erhärten die Bewegungen dieser entarteten Masse, bis sie reglos zum Stehen kommt. Über ihnen ziehen sich schwarze Wolken zusammen und der erste Tropfen giftgetränkten Regens fällt auf sie hernieder. Nur das Rauschen des Regens ist zu hören, wie er auf die umstehenden Autos trifft, auf deren Dächer und Motorhauben, und dieser epischen Szenerie ein metallisches Klingen beimischt. Hier und dort fehlt am Parkplatz ein Randstein, die Betonfertigteil-Fassade des Gebäudes beginnt an manchen Stellen bereits zu bröckeln, eine feine Mixtur aus Autoabgas und Zement Feinstaub mischt sich zu alledem in diese Komposition. All diese Eindrücke münden in einer klebrigen, stinkenden, von aller Schlecht-Heit durchzogenen, galligen, fast schon schicksalshaft schrecklichen Wahrnehmung. 

Die Blicke der letzten Konsumenten streifen unkontrolliert umher, während sie in ansonsten völliger Bewegungslosigkeit verharren. Ein erster Blick fokussiert die Drehtüre des Möbelhauses. Sie dreht sich immerfort im Kreis und erzeugt in gleichbleibendem Rhythmus ein scharrendes maschinelles Geräusch. Plastikfransen, die sich an Gummidichtungen reiben. Der Erste beginnt, dieses Geräusch zu imitieren. Langsam, einem Ritual gleich, stimmen alle übrigen letzten Konsumenten mit ein. Es entsteht ein lautes rhythmisches Scharr-Geräusch. Unisono, einer Welle gleich, auf und ab, es steigert sich, wird drückend schwer und kippt plötzlich. Der Takt fällt auseinander, die Stimmen zerren sich gegenseitig in schrille Höhen. Die Drehtür bringt die hasserfüllten letzten Konsumenten schließlich zum Toben. Ihre Körper zittern und zucken wie Blitze. Von den Parkplatzlautsprechen ertönen Empfehlungen für preisreduzierte Mittagsmenüs im integrierten Möbelhaus-Restaurant. Der Boden beginnt zu beben, die ersten Fensterscheiben zerspringen in abertausend Teile, Alarmanlagen, der am Parkplatz stehenden Autos, lösen aus, Motorhaubenbleche werden vor drückender Spannung eingedellt und Vögel fliegen leblos vom Himmel. 

Zellteilung.

Die entstandene Druckwelle lässt jedes elektrische Gerät im Kilometerumkreis rauchend sein Ende nehmen. Eine rasende Menge von zweitausend letzten Konsumenten stürmt die Drehtür des Möbelhauses, zertritt sie und zündet sie an. Die tropfende Masse der brennenden Plastikfackeln breitet sich über der Drehtür aus. Man erkennt noch vage das Tupper-Ware Logo, bevor es sich in den Flammen zersetzt und alles gemeinsam in Rauch aufgeht. Hier nun entlädt sich der akkumulierte Hass einer Menschheit, die jahrzehntelang gezwungen wurde, diese unnötigen Versuche von Prozessoptimierung, von Bequemlichkeit und Bevormundung, von Idiotie auszuhalten, die konditioniert wurde sich von einer Maschine befehlen zu lassen, wann sie zu gehen hat und wann sie zu stehen hat, ihren Ärger runterschluckend, sich zivilisiert zu benehmen hat, in Gegenwart dieser dummen, dummen Erfindung – Um Gottes Willen, welch schreckliche Idee das war. 

Dies ist nun die Stunde. Die Menge stürmt das erste Möbelhaus, hin und hergerissen zwischen Hass und Gehässigkeit.